Flockdown

von Klaus Rafenstein

Nichts geht mehr, alles steht. Wangen sind eng an Masken gepresst. Vom Babyelefanten wĂĽrde nicht mal ein Borstenhaar zwischen die am Gang zusammengepressten Passagiere passen. Der ICE aus Frankfurt verendet im Schnee-Inferno von Fulda. Und ich mitten drin. “Mensch, durch die Schneewand kommen mia nie und nimma durch. Wie in Stalingrad is des do.“ gibt ein forscher Lauthals zum Besten. Geschichtsverzerrung. Die Insassen der sibirischen KriegszĂĽge wären froh gewesen ĂĽber geheizte Waggons. Und ĂĽber einen kleinen Virus-Feind, statt Feinden mit geladenen Sturmgewehren. ZurĂĽck ins friedlich-geheizte Abteil nach Fulda. Nach 2 Stunden verharren mit bizarrer Schneegestöber-Aussicht die Durchsage: “Der Zug muss zurĂĽck nach Frankfurt.” 9 Stunden schlage ich micht mit RegionalzĂĽgen und eisigen Bahnsteigwartestunden durch. Die letzten 50km gönne ich mir ein geheiztes Taxi. Ich steige aus. In die Dunkelheit. Es wird bitter. 200 tiefverschneite Meter trennen mich vom Hoteleingang. Einen Koffer schleife ich schlittenartig links, einen rechts von mir. Beim ersten Schritt ins flockige WeiĂź bin ich ob meiner Haferlschuach noch zögerlich, ab dem zweiten Schritt setzt Fatalismus ein und ich wanke durch den hĂĽfthohen Schnee wie Dr. Ambrosius im Tanz der Vampire.

“Ein Meter Schnee und minus 22 Grad, das hatten wir hier noch nie“ empfängt mich die Hotelbesitzerin mit hĂĽbsch verzierter Maske.

Um 5:30h in Wien in den Flieger gestiegen, um 21:30h im Hotel aus einem durchnässten Anzug geschält. Dazwischen viel Kälte & Schnee. Deshalb: Heute darf’s Wein sein. Das Gesicht hinter der hĂĽbsch verzierten Maske sieht mir die Erschöpfung an und bringt kein Achterl, auch kein Vierterl, sie bringt eine 1l-Karaffe aufs Zimmer, gemeinsam mit Brotzeit.

Als Kollege Christopher kommt wird es noch ein geselliger Abend, von der zweiten Weinkaraffe bleibt die Hälfte über. Sie kommt zum Kühlen auf die Terrasse.

Am Morgen werde ich an den Physikunterricht erinnert. Bei -22 Grad gefriert sogar Wein. Aus dem Terrassen-Wein wird am Abend ein inverser Spritzer. Mineralwasser mit WeineiswĂĽrferln. Doch so weit sind wir noch nicht, zuvor geht’s zum Seminar.

Mit Christopher’s altem BMW. Wie der Junior-Padrone sitzt er mit verspiegelten Sonnenbrillen in seinem Boliden, während die zwei Chrom-Auspuffe in den Hann-MĂĽndner Wald qualmen. Ich setze mich neben ihm auf den Beifahrersitz und schrecke empor. Als hätte ich mich auf das Nadelkissen eines Fakir’s gesetzt, fährt mir der Schmerz durch Mark und Bein. “Was ist das???” frage ich mich innerlich und äuĂźerlich zugleich.

“Sorry, das sind Ledersitze. Nur leider ohne Sitzheizung…” kommt es kleinlaut vom Fahrersitz mit unterwürfigem Blick. Nun weiß ich, wie sich -22 Grad kaltes Leder auf meinen Pobacken anfühlt, wenn nur ein zartes Stoffhoserl dazwischen ist.

“Was? Wie kann man Ledersitze ohne Sitzheizung in ein Auto verbauen?”

“Ist ein Italien-Import. Dort kennen sie keine Sitzheizung…”

Mamma mia!

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