Frühling mal anders

von Klaus Rafenstein

Frühling, so wie wir dich kennen: Herrlich duftender frisch gerösteter Kaffee in einem gemütlichen Schanigarten am Morgen, die Sonne kitzelt im Gesicht. Schon ab dem Nachmittag darfs auch ein Achterl, ein Aperol oder ein kleines Helles sein, Hauptsache mit einer Frühlingsbrise auf der Haut. Die erste Mountainbike-Ausfahrt durch den Wienerwald, der sich ein herrlich nach Bärlauch duftendes saftig grünes Kleid übergestreift hat. Die Röcke werden kürzer und Pullis gegen T-Shirts getauscht. Das Schlafen bei offenem Fenster ist keine Mutprobe mehr, sondern eine freudige Vorbereitung auf den Klang des morgendlichen Vogelgezwitschers. Der Griller wird entstaub und die Früchtebowle angesetzt. Die braune Kruste über Feldern und Gärten macht dem grünen Pflanzenteppich Platz. Und schon bald wird’s darin ein kunterbuntes Blütentreiben geben. Die Bootsverleiher streichen ihr Inventar um für die Saison gerüstet zu sein. Die Gesichter werden fröhlicher und immer öfter sitzt eine chice Sonnenbrille auf unserer Nase. Cabrios sind plötzlich keine Ausnahme mehr und der Putzwagen sammelt die Kieselsteine ein, die der Streuwagen im Winter herumgewirbelt hat. Das freut Skateboarder und Inline-Skater, denn jetzt heißts wieder im Flüstermodus über den Asphalt gleiten. Die Schiabteilungen in den Geschäften werden in Fahrrad-Abteilungen verwandelt. Das Laufen um die Alte Donau fühlt sich nach Aufbruch und neuer Vitalität an. Das Schneeglöckchen schubst den Krokus an und zeigt ihm den emporragenden Märzenbecher. Die Feldmaus Frederik hält gähnend zum ersten Mal nach dem Winterschlaf ihr Näschen in die frische Frühlingsluft. Der Kran lässt die Segelboote da ins Wasser, wo vor kurzem noch Eisschollen das Sagen hatten. Die erste Ausfahrt auf den See ist zwar noch recht frisch, doch die Zuversicht, dass es von Mal zu Mal sonniger und gemütlicher wird, wärmt von innen.

Heuer ist es anders. Frühling mal anders.

Quarantäne. Nicht nur für mich. Nicht nur für uns. Weltweit. Als hätte der Riese im Weltall die Pause-Taste der Erde gedrückt. Der Rummelplatz steht still. Nichts dreht sich, nichts bewegt sich.

Szenen aus Armageddon sind Wirklichkeit geworden. Aus Science Fiction wurde Realität.

Die Welt steigt für uns auf die Bremse. Wir wären mit 180 weiter auf die Wand zugerast, das Gaspedal stets am Anschlag.

Der unsichtbare Feind im Außen hat uns fest im Griff. Er lässt uns zusammenhalten. Körper rücken auseinander, Herzen zusammen. Wie ein Chirurg hat der Virus den Zugang zu unserem feinfühligen Inneren freigelegt. Gespräche graben sich in ungeahnte Tiefe. Wir greifen zum Hörer und hören uns zu. Echtes Zuhören.

Steckt er in dir? Steckt er in mir? Wie lange noch?

Atempause. Ungewissheit und unbeantwortete Fragen. Wir werden viele Dinge hinterfragen müssen, die sich in den letzten Jahren unbemerkt in unser Leben geschlichen haben. Zeit dazu haben wir nun. Lasst sie uns nützen. Für Wachstum. Vom Flachwurzler zum Tiefwurzler.

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