Frühlings Fasten

von Klaus Rafenstein

“Lösen Sie 3 Teelöffel Bittersalz in 200ml warmen Wasser auf” steht auf der Verpackung vom runden Döschen. Vor dem Heilfasten sollte der Darm leergeräumt werden. Wenn er in sich zusammengefallen ist, der liebe Darm, dann bettelt er die Speiseröhre nicht mehr mit Hungergefühl nach verdaubarem Nachschub an. Wenn er nichts zu tun hat, dann gibt er Ruhe und schläft sanft. Das habe ich bei meiner ersten Heilfasten-Kur in Pernegg letzten Sommer gelernt. Nun starte ich die “Do it yourself“ Frühlings-Variante. Bittere Erkenntnis: Es gibt einen Unterschied zwischen Teelöffel und Suppenlöffel. Diese Verwechslung beschert mir 24 Stunden, die mich an meine Lebensmittelvergiftung vor 2 Jahren erinnern. Als ich langsam wieder den Berg der Hoffnung erklimme, starte ich mein gut vorbereitetes Workout-Programm. Nicht nur keine Kalorien zu mir nehmen, sondern auch kostspieligst angelegte Fett-Depots abbauen, heißt die Devise. Der Bauchumfang wird gleich von 2 Seiten in die Mangel genommen. Los geht’s! Die frische Frühlingssonne lässt das Hopsen sogar auf der Terrasse zu – einfach herrlich! Ich lerne weiters: Solange das abführende Bittersalz noch seine Wirkung tut, sollte man das Springschnurspringen vom Workout-Plan entfernen! Der 4. Fastentag stellt mich vor eine ganz besondere Herausforderung: Impulskontrolle! “Schaust auf a Schnitzerl vorbei? I hob’s grod frisch paniert!” “Nein Mama, ich faste immer noch.” “Darf’s ein cremiger Cappucino sein wie immer?” “Danke, heute nicht Steffi. Heute bitte nur Haare schneiden.” Alles nichts gegen einen Obi-Besuch. Als ich den Biberbau betrete, muss ich unweigerlich an der Käse-, Fleisch-, Selch- & Bratwurstkammer vorbei. Düfte Deluxe. Folterkammer! Wie Obelix halb-traumatisiert dem Wildschweinbratengeruch nachsteigt, so ähnlich ergeht es mir im Obi-Eingangsbereich. Die Versuchung ist groß. Doch der Wille ist stärker. Ich halte die Luft an und hirsche zu Heckenscheren und Zaunholz. Zu Hause angekommen fühle ich in mich hinein. Emotionslosigkeit! Wie wenn der Schalter von Lust & Co in mir auf OFF gekippt wurde. Beim Aufstehen von der Couch dreht es mich Karussell-artig und Millionen von weißen Ameisen tummeln sich vor meiner Linse. Uije, der Kreislauf streikt. Ich brauche Kalorien! Vorsorglich habe ich eine 5-tägige Saft-Kur im Kühlschrank gehortet. Da schlummern sie bei 4 Grad Celsius dahin, meine lieben Gemüsesäfte. “Ingwer ist das Antibiotikum der Natur. So gesund!” hallt es vom unlängst gehörten Ernährungs-Podcast nach. Ich greife zu den Ingwer-Shots um wieder Würze in mein Leben zu bringen. Auf die Schärfe von Ingwer hab ich irgendwie ganz vergessen, werde aber eindringlich daran erinnert, als er sich durch meinen zusammengelegten schlafenden Darm scharbt. Als würde Luzifer persönlich mit seinem Dreizack die Magenwände von innen piesacken. Mir reicht’s! Das nächste Mal vertraue ich wieder auf echte Profis und zahle gerne fürs Nichtsessen.

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