von Klaus Rafenstein
Hann MĂŒnden. Zwei Stunden mit dem Auto zum Flughafen Frankfurt. Oder 9 Stunden mit dem Zug nach Hause, inklusive 2x umsteigen. Ich starre auf mein Telefon. Vor 20 Minuten hab ich Mama angerufen, wie es so geht? SchlieĂlich ist Papa heute nach seinen 2 Kreislauf-Kollapsen der Vorwoche aus dem Spital heimgekommen.
âWir reanimieren ihn gerade. Er ist uns schon wieder zusammengegangen. Diesmal dĂŒrfte es ernst sein. Ich melde mich.â
Ich starre weiter auf das schwarze Display. Anruf. Der Name meines Bruders leuchtet auf. Ich habe Angst abzuheben. Ich fĂŒrchte mich vor dem, was jetzt kommt. Da muss ich durch. Papa ist tot. Auch wenn er sehr krank war und sein Gehen einen Hauch von Erlösung mit sich bringt, Papa bleibt Papa.
Ich liebe es zu reisen. Nun bist du auf Reisen gegangen.
Ich will aus der anonymen Fremde weg. Ich will nach Hause. Doch mein Flug geht erst morgen Abend, davor gibt es keine vernĂŒnftige Verbindung heimwĂ€rts. Meine Teilnehmer des heutigen Seminars haben einen quietschvergnĂŒgten und energiegeladenen Trainer erlebt. Wen werden sie morgen erleben? Kann ich das ĂŒberhaupt?
Im Foto-Ordner meines Handys gebe ich âPapaâ ein. Es erkennt dich und zeigt mir alle Fotos mit dir. Mir flieĂen die TrĂ€nen in Strömen und ich kann mich nicht dagegen wehren. Zur Matura hast du mir bis heute nicht gratuliert. Doch Mama hat mir damals heimlich erzĂ€hlt, wie du im Wirtshaus die Lokalrunde geschmissen hast. Wegen dem âAusgezeichneten Erfolgâ. Vom Sohn. Als du nach dem Radsturz am Milzriss beinahe innerlich verblutet bist, habe ich dich sofort auf der Intensivstation besucht. Es war erbĂ€rmlich heiss und so habe ich dir die SchweiĂperlen mit einem feuchten Waschlappen von der Stirn getupft. âDas machst du gutâ kam es damals aus deinem Mund. FĂŒr dich ein kleiner Nebensatz, fĂŒr mich ein unvergesslicher Moment. Das erste Lob, an das ich mich erinnern kann. Ich war damals rund 25. Eine TrĂ€ne kullert noch nach. Nie mehr deine OhrlĂ€ppchen zwirbeln. Nie mehr ein Bussi auf die Stoppelbartwange, egal ob zur BegrĂŒĂung oder zum Abschied.
Endlich zu Hause, im Kreise der Liebsten. Die Trauer ist nicht weniger, doch gemeinsam trÀgt sich die Last leichter.
An den Abenden sitzen wir zusammen. Deine Kerze brennt am Holztisch. Wir kochen gemeinsam und schauen uns Fotoalben an. Unser aller Therapeut heiĂt Dominic. Dein Enkel zaubert uns allen mit seinen unwiderstehlichen einenhalb Jahren, heiterem GemĂŒt und stets Schabernack im Sinn ein LĂ€cheln in unsere Gesichter. FĂŒr Momente macht er die Schwere schwerelos.
Wir fahren zur Bestattung um alles zu organisieren. Und um uns zu verabschieden. Friedlich liegst du da, als wĂŒrdest du schlafen, auch wenn ich weiĂ, dass du die Augen nicht mehr öffnen wirst.
Ich wĂŒnsche dir eine Gute Reise, Papa!