von Klaus Rafenstein
Ein Hoch auf ein WĂŒrschterl. Ich erhebe mich aus meinem ĂBB Business Class Thron und stapfe in den Speisewagen. Am Vierer-Tisch ist noch ein Platz frei. GemĂ€chlich bestelle ich ein Paar SacherwĂŒrstel und eine Miniflasche Chardonnay, die zwei erfolgreichen Arbeitstage in Vorarlberg gehören begossen. Bumvoller Speisewagen, alle unterhalten sich köstlich, ich vertreibe die Wartezeit auf die Leckereien mit Stöpsel im Ohr und Zeit im Bild am Smartphone.
âEinen Chardonnay bitteâ höre ich die weit ĂŒbertönende Stimme am Nebentisch selbst durch die Stöpsel bestellen. âTut mir leid, der Herr hier hat soeben die letzte Flasche bestelltâ tönt es durch die AirPods hindurch.
âDer Heischreck neben da Schönheit sauft uns ollas weg!â höre ich es ebenfalls durch die Ohrstöpsel. Ich schaue zu ihr nach rechts und zu ihm nach links. Das GesprĂ€ch ist eröffnet.Â
Er nimmt sein Telefon zur Hand und diktiert hinein: „Aktennotiz Dr. Johannes Brunner. Er bestellt Chardonnay. Ich bekomme keinen mehr. Die Schönheit neben ihm hat es mir angetan.â Vertonte Deix-Figur. Er gibt der schwarzen österreichischen Seele seine Stimme.
Eigentlich wollte ich nur Hunger & Durst stillen gehen. Nun bin ich mitten in einem skurrilen Film. Elisabeth T. Spira hĂ€tte ihre wahre Freude an dieser geballten feucht fröhlichen Ausgelassenheit, die mit knapp ĂŒber 300 Sachen durch die kĂŒhle Alpennacht zischt. HeurigenatmosphĂ€re goes Railjet.
Ich frage die 3 Personen an meinem Tisch, wer Dr. Johannes ist und wer sie sind. Ich erfahre, dass hier niemand niemanden kennt. Offiziell. âSeit ZĂŒrich im Zugâ verlautbart die Schönheit neben mir. âErst in Bregenz zugestiegenâ offenbart ihr geglaubter Reisepartner. âI bin a Soizburger am Weg nach Wienâ verkĂŒndet Gerhard. âUnd obendrein Sommelier!â
âA Sommelier der Bier sauft!â tönt es schallend vom verachtenden Tisch nebenan. âI mog diâ schiebt Dr. Johannes die Versöhnung nach.
âDas heiĂt, ihr kennt euch alle gar nicht?â frage ich verwundert.
âKennst du dich ĂŒberhaupt selbst?â fragt mich der Heuschrecken-Nenner mit einem Touch von Philosophie.
Nochmals: Ich wollte eigentlich nur eine Kleinigkeit essen, was trinken, und Nachrichten schauen. Plötzlich: Sozialer Brennpunkt Speisewaggon im Zug von ZĂŒrich nach Wien.
Und irgendwie genieĂe ich es. Keine Smartphones, die unsere Aufmerksamkeit saugen. Kein Social Media, auf dem wir irgendetwas posten mĂŒssen. Sondern echte Menschen mit echten Begegnungen. Mit echter Ăberraschung und echter TiefgrĂŒndigkeit. I like.