von Klaus Rafenstein
Das letzte schöne Oktober-Wochenende. FĂŒr Sonntag Abend ist der Wetterumschwung prognostiziert. Im Kalorien-Spar-Programm der Wiener Zivilisation erdulden wir den Alltag regelmĂ€Ăig ohne Nahrungsaufnahme, nicht nur Stunden, nein Tage lang. Hier im Paradies der Scherper nagt jede schweiĂtreibende Wander-Minute an unseren Kalorien-VorrĂ€ten. Wir hungern uns den Berg hinauf. Knapp vorm Ziel passieren wir einen alpinen Schutzbunker. 6 Quadratmeter Betonfundament mit einem darĂŒber gespannten Blech-Halbkreis. Nach 7 Stunden endlich: Das Schiestelhaus! Samt ĂŒppigen Speisen! Der Satz âWir sind fĂŒr die heutige Nacht bereits seit 4 Monaten ausgebucht!â schmerzt in der frisch gefĂŒllten Magengrube. âKlaus, wir steigen heute noch ab!â meint Christoph befehlsartig. âDonn stehtâs morgen in da Zeidungâ meint der HĂŒttenwirt lapidar und deutet auf das feurige AlpenglĂŒhen am Horizont und die hinter der goldenen Berg-Silhouette untergehende Sonne. âWir können doch das Smartphone-Licht nehmen, oder?â âGute Idee fĂŒr die ersten 2 Stunden. In den Passagen, wos wirklich brenzlig wird, da brauchtâs beide HĂ€nde zum Klettern, spĂ€testens dann wirdâs finster. Nicht nur wengam leeren Handyakku.â âUnd der Schutzbunker rund 1 Stunde von hier?â âGestern Nacht haben angeblich 24 Leute drin ĂŒbernachtet, heute ist Samstag, da werdenâs sicher mehr sein.â âUnd ein Matratzenlager?â mische ich mich in die angespannte Konversation ein. âAusgebucht! Sollten nicht alle Reservierungen kommen, dann könntâs euch dazulegen.â âWo?â âHier!â meint der Wirt und deutet auf das gesellige Treiben im Gastraum. âWie?â âUm 23h ist Sperrstund. Dann heissts Tische & BĂ€nke raus, Matratzen rein.â Ich kenne Christophâs Blick seit ĂŒber 28 Jahren. Er braucht ihn nicht zu vertonen. Er tut es trotzdem: âNo Way!!! Sicher nicht mit 50 Wildfremden am Boden.â âDie schauen friedlich aus…â âKlaus, ich bin Psychiater. Meine HĂ€rtefĂ€lle schauen auch meist friedlich aus.“ Diskutieren ist aussichtslos. Ich schleppe Christoph an die Bar und bestelle 2 groĂe Bier & 2 groĂe Schnaps. Mögen sie sein âNeinâ aufweichen. Die junge Dame hinter der Pudl unterstĂŒtzt mein Vorhaben. Sie weiĂ genau, wie sie die trinkfreudige MĂ€nnertraube um sich bei Laune hĂ€lt. StĂ€ndig wirft sie Fragen in die Runde, um gleich darauf mit ihrer resoluten Art nur einem von uns Sprecherlaubnis zu gewĂ€hren. Vorlaute MĂ€nnerstimmen bekommen einen BewĂ€hrungshelfer zugeteilt. Wie Seerobben-Löwen stehen wir balzend im Halbkreis um unsere Zirkusdirektorin in Erwartung des bunten Balls in Form einer Frage. Die Promille flieĂen mit den LachtrĂ€nen um die Wette. Dösende Seerobben-Kolonie. Animalische Töne. Und GerĂŒche. Morgengrauen. Im Kopf genauso wie drauĂen im Freien. Wie Gazellen tĂ€nzeln wir ĂŒber Stock und Stein talwĂ€rts. Das Schneegestöber fegt uns ins schĂŒtzende Auto. Mögen auch unsere Robbenfreunde heil den Abstieg beim frĂŒhen Wintereinbruch geschafft haben.