Insel zu Insel

von Klaus Rafenstein

Der Abend in Rhodos wĂ€chst sich zur kolossalen Griechischen Tragödie aus. Das Familien-Drama ist perfekt. Papa & Tochter schenken sich nichts. Sie ignorieren uns aufschauende TavernengĂ€ste. Er wird laut. Und gleich darauf ganz leise. Er schaut ein. Mit beiden HĂ€nden stĂŒtzt er den Kopf wĂ€hrend sein Blick die Tischplatte durchbohrt. Ganze 10 Minuten lang. Ein höchst skurriles Bild. Mir ist zum Lachen. Ich möchte ein Foto machen. Doch ich traue mich nicht. Die Luft ist elektrisiert und ich habe Angst vor den Foto-Konsequenzen. Als der Kellner das Essen serviert, ist Papa wie ausgewechselt. Gemeinsam zu essen kalmiert und verbindet. Selbst den alten Griechen mit der pubertierenden Tochter.

Genug der großen ĂŒberfĂŒllten Insel. Ich mag auf eine kleine.

Die FĂ€hre setzt sich um Punkt acht Uhr in Bewegung. Ungewöhnliche griechische PrĂ€zision. Teufelswerk der Technologie, so ein Katamaran. Wie ein frisch geschliffener Schlittschuh schneiden sich seine Kufen in das samte Königsblau der ÄgĂ€is.Ich stehe ganz vorne am Bug und breite die Arme im Fahrtwind aus. Das Leinenhemd flattert. Ähnlich wie dereinst Leonardo. Oder war es doch Kate? Egal, es fĂŒhlt sich unendlich geil und nach Freiheit an.

Plötzlich verlangsamen wir abrupt. Der KapitĂ€n informiert uns ĂŒber den Funkspruch der KĂŒstenwache: Gekentertes FlĂŒchtlingsboot! In diesem Gebiet werden Personen vermisst. Wir mögen an die Reling gehen und Ausschau halten. Polizei- & Rettungsboote patrouillieren. Leider weit und breit keine Spur. Hilfsbereitschaft breitet sich gleichzeitig mit betretenem Schweigen am Boot aus. So nah liegen UrlaubsglĂŒck und echte Tragödien nebeneinander.

Neue Insel. Es spektakelt und brodelt schon wieder. Vielleicht auch weil Nisyros eine Vulkaninsel is. Der bĂ€rtige Grieche mit der Rauhlederhaut neben mir erzĂ€hlt die ganze Zeit etwas von „Filosofia“ und „Romanticu“. Wild gestikulierend und lautstark. Ich könnte so gerne griechisch, um all diese Dramen zu verstehen. Wobei: womöglich ist das griechisches FlĂŒstern, was fĂŒr mich nach DĂŒsenjet-Start klingt.

„Wenn du bar zahlst, ist es billiger. Dann sparen wir die Steuern.“ klĂ€rt mich einer der Inhaber der Taverne „3 Brothers“ auf. Am 2. Tag höre ich den Steuerspar-Vorschlag bereits zum 3. Mal. Lieber wĂ€re mir, wir (der Bruder & ich) wĂŒrden jetzt die Steuern zahlen, anstatt wir (die EU) im Nachgang die griechische Zeche. Doch ich bin im Urlaub, was kĂŒmmern mich netto und brutto. So ĂŒberreiche ich dem strahlenden EmpfĂ€nger die Scheine. Sein Image in mir Ă€ndert sich postwendend als ich nach dem FrĂŒhstĂŒck am nĂ€chsten Tag frage. „Wir hĂ€tten zwar FrĂŒhstĂŒck um zehn Euro, aber es ist Nachsaison, du schlĂ€fst eh schon bei uns, lass die anderen auch etwas verdienen.“ Ungeahnter griechischer Insel-Altruismus.

Ich besuche mit dem bar bezahlten Scooter den Vulkankrater. Es riecht nach faulen Eiern. Der Boden ist ĂŒbersĂ€t mit gelben Flecken. Das hĂ€tte es auf jeder öffentlichen Herrentoilette gĂŒnstiger gegeben. Hier zahle ich 6,- Eintritt um den schwefeligen Gasen beim Aufsteigen zuzusehen. Kleine Tragödie im großen Paradies.

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