Könnte besser sein

Steppenwolf

von Steppenwolf

Story

Juli. 10 Uhr. Mein Balkon. Statt die naive Sorglosigkeit eines Nichtleidenden zu genießen, für den Schmerz nicht mehr ist, als eine Anomalie des Alltags, eher eine vage Erinnerung aus schlechteren Zeiten, als eine allgegenwärtige Bedrohung, ergab ich mich der Frustration. Das Wetter… war gut. Mein Kaffee… war gut. Und mein Buch, das ich gerade las, war, Sie erraten es, gut. Aber es war halt alles nur gut. Es könnte besser sein!

Ich lehnte mich in meinem Liegestuhl zurück und konzentrierte mich auf meine Lektüre. Zwecklos. Die Geräusche der belebten Stadt schwappten über die verrosteten Geländer meines kleinen Balkons über mich herein und zerrten mich mit jeder weiteren Welle erneut zurück in die Wirklichkeit. Resigniert nippte ich an meinem Kaffee.

Wir Menschen scheinen wirklich nie zufrieden zu sein. Selbst in jenen seltenen Momenten, die wir, in Ermangelung eines prägnanteren Adjektivs, mit dem Wort „gut“ attribuieren, schmecken wir nach dem Aussprechen sofort den uns wohlbekannten, bitteren Geschmack des Konjunktivs Potentialis auf der Zunge, der uns zum Zweifeln anstachelt und unseren „guten“ Moment im Schatten des Komparativs zu etwas Schlechterem verkümmern lassen will. Es könnte besser sein! In der Tat. Ich schaute mich um. Irgendetwas fehlte. Und dieses Fehlen erzeugte eine Leere, ein Vakuum, das das Genießen des Nichtstuns, dessen ich mich hingegeben hatte, zu verschlucken drohte. Es war eine Sehnsucht nach Mehr. Eine Angst vor der ablaufenden Lebenszeit. Eine Abscheu vor dem Mittelmaß. Ein inneres Bedürfnis nach Harmonie, das sich nur legt, wenn das Verlangen an sich befriedigt wird. Wem genug zu wenig ist, der hat nie genug. Natürlich. Das wusste ich. Aber mal ehrlich: Es könnte besser sein.

Ich könnte auf einem Segelschiff vor der Küste Madagaskars liegen und dort mein Buch lesen. Ich könnte in einem Zelt am Fuße des Mount Everest an einem heißen Kaffee nippen. Ich könnte über den Basar in Istanbul schlendern und die Köstlichkeiten der orientalischen Küche genießen. Die Welt umsegeln, Fallschirmspringen oder mich in einem Luxushotel verwöhnen lassen. Aber ich tat nichts davon. Ich saß in meinem Stuhl auf meinem Balkon und las die Abenteuer anderer Menschen. Wieso konnte ich das, was ich hatte, nicht einfach genießen?

Die Balkontüre öffnete sich und meine Freundin trat heraus. Sie küsste mich, ließ sich in den zweiten Liegestuhl fallen und strahlte mich an.

„Guten Morgen. Was für ein herrlicher Tag heute, oder?“

Ich lächelte ihr zu, klappte mein Buch zu und lehnte mich zurück.

„Ja. Könnte schlechter sein!”

© Steppenwolf 2021-05-17

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