von Klaus Rafenstein
âIrgendwann einmal möchte ich an diesem Platz sitzen und ein Buch schreiben!â trĂ€ume ich in die azurblaue Luft ĂŒber dem Amfitheaterplatz in Lucca. Christoph nickt mein Vorhaben ab und nimmt den ersten Schluck unserer heutigen Lambrusco-Flasche. Staubig stehen unsere Haare zu Berge und der permanente Interrail-Hunger lĂ€sst uns auf die knusprig-dampfende Pizza vor uns schielen.
Juli 1997. Wir waren jung und voller TrÀume. Heute leben wir sie. Das irgendwann von damals ist heute.
Ich sitze und schreibe. Zwar kein Buch, aber immerhin eine Kurzgeschichte. Leider hebt er das Telefon nicht ab, zu gerne hĂ€tte ich ihm stolz einen Live-Bericht von der italienischen Vorhaben-Umsetzung ins Ohr geflĂŒstert. 26 Jahre spĂ€ter. Der Beruf als Primar fordert ihn, die Zeitressourcen sind knapp. Der Preis fĂŒr den Traum.
Ich schreibe weiter und bemerke, dass rund um mich an den Tischen fast ausschlieĂlich Englisch gesprochen wird. Das Treiben in den engen Kopfsteinpflastergassen hingegen tönt fast ausschlieĂlich italienisch. Wie, wenn die Touristen den Italienern beim Leben zusehen wĂŒrden. âIst das in Wien auch so?â frage ich mich. Wohl eher nicht. Da sitzt wahrscheinlich das gemĂŒtlichste aller Völker selbst im lauschigen Schanigarten und schlĂŒrft zufrieden grantelnd das Kaffeetschal oder nimmt einen krĂ€ftigen Nipper vom Biertschie, wĂ€hrend es dem ĂŒberwiegend asiatischen Touristentreiben beim Herumschurln zusieht.
Egal, zurĂŒck nach Lucca. Ich habe mir schon beim Landen am Flughafen in Pisa vorgenommen, diese 11 Tage in der Toskana ausschlieĂlich Italienisch zu reden. Ich versuche es jedes mal erneut beim Nach-dem-weg-fragen genauso wie bei meinen zahlreichen Gastgartenbestellungen, doch selten mit Erfolg. Schon kurz nach meinen ersten verrĂ€terischen Brocken hat dieses umsichtige Volk meist Erbarmen und schwenkt in die englische Sprache. âWirklich so arg?â schwingt es dann oft in mir.
Die Sonne blendet mich zu sehr und so ĂŒbersiedle ich 2 PlĂ€tze weiter. Auf der entzĂŒckenden Piazza Puccini schlage ich mein Notebook erneut auf. Der musikalische GroĂmeister und Namensgeber des Platzes thront auf einem Sockel in seinem Lehnstuhl. Zwar nur in Bronze gegossen, doch dennoch strahlt seine respekteinflöĂende Aura bis zu mir herĂŒber. Einmal schaue ich kurz hoch. FĂŒr den Bruchteil einer Sekunde kreuzen sich unsere Blicke. Erschrocken neige ich devot meinen Kopf und widme mich wieder dem Notebookbildschirm vor mir. Sinfonie-artige Töne klingen vom Ringelspiel an der Ecke in den Gastgarten. LĂŒgenbold Pinocchio bewegt seine Nase vor und zurĂŒck wĂ€hrend er sich im Kreis dreht. Er flĂŒchtet vor Tschepetto, der mit erhobenem Finger hinter ihm her jagt. Im Kreis. Ewig. Sisyphus-like. Der Finger und die Nase sind ca. gleich lang. Die glĂŒcklichen KinderhĂ€nde umklammern beide.
âIl conto per favore!â rufe ich Roberta zu.
âYes, I come in a second!â ruft sie mir zurĂŒck.
Grazie. Ciao!