Der Auftrag kam, wie so oft, mit dem Geruch von nassem Wollmantel und Verzweiflung. Der Mann, der sich Lord Valerius nannte, zupfte nervös an seinen bestickten Handschuhen und vermied es, Lyriel direkt anzusehen. Stattdessen starrte er auf einen getrockneten Tintenfleck auf den Dielen ihres bescheidenen Quartiers im Hafenviertel.
»Ich benötige Eure … Diskretion, Meisterdiebin. Es geht darum, etwas zu entwenden.«
Lyriel lehnte an der Wand, die Arme verschränkt. Das amüsierte Lächeln auf ihren Lippen erreichte ihre Augen nicht. »Stehlen? Sicher, dass ich niemandem die Schnürsenkel zusammenbinden oder eine Torte ins Gesicht werfen soll? Für das richtige Gold übernehme ich auch Kindergeburtstage.«
Valerius schluckte. »Nein! Es geht um das Amulett meiner UrgroĂźmutter. Mein eigener Bruder hat es mir gestohlen. Er will mich ruinieren. Ich habe erfahren, dass es es heute Abend auf dem Maskenball von jemandem tragen lassen wird – eine öffentliche DemĂĽtigung, bevor er es endgĂĽltig verschwinden lässt.«
Er schob einen schweren Goldbeutel über den Tisch. »Ein Skandal wäre … verheerend.«
Lyriel beäugte den Beutel, dann den zitternden Lord. Adlige Problemchen waren die besten Problemchen – sie zahlten gut. »Ein Diebstahl inmitten eines überfüllten Ballsaals? Das klingt nach einer angemessenen Herausforderung.« Sie nickte knapp. »Meinetwegen.«
Nachdem der Lord mit sichtlich erleichterter Miene verschwunden war, machte Lyriel sich auf den Weg zum Hafenmarkt, um die nötige Ausrüstung für den Ball zu besorgen. Sie brauchte eine Maske, die unauffällig und doch elegant war, und Informationen.
Eine Familienfehde auf offener BĂĽhne war ein Pulverfass, und sie sollte das brennende Streichholz daraus stehlen.
Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Das würde ein spaßiger Abend werden.
© Kreative-Schreibwelt 2026-01-23