Der Auftrag war klar, aber die Umstände nicht. Aus einem simplen, gut bezahlten Diebstahl war eine Gratwanderung über einem Nest voller Schlangen geworden. Lyriel dachte an den Goldbeutel von Lord Valerius und verfluchte seine gespielte Ahnungslosigkeit. Er hatte von seinem Bruder gesprochen, aber die Nervosität des Lords ließ ahnen, dass er nicht die ganze Geschichte erzählt hatte. Doch der Auftrag war angenommen, und Lyriel war keine Frau, die vor einem komplizierten Spiel zurückschreckte. Sie musste nur die Regeln verstehen.
Ihre erste Anlaufstelle war ein kleiner, unauffälliger Laden in einer Seitengasse, der mit »Masken & Tand« warb. Der Besitzer, ein alter Mann namens Elian mit Augen, die mehr sahen, als gut für ihn war, musterte sie wissend. »Für den Ball des Magistrats?«, fragte er, ohne eine Antwort abzuwarten. »Ich habe da etwas Passendes. Unauffällig, aber mit Stil.«
Er reichte ihr eine Maske aus dunklem, poliertem Holz, die das Gesicht nur zur Hälfte bedeckte und in der Form einer stilisierten Eule geschnitzt war. Perfekt. Man sah genug, um zu beobachten, aber blieb selbst im Schatten. Dazu besorgte sie sich ein schlichtes, aber elegantes Kleid in mitternachtsblau, das genügend Bewegungsfreiheit bot und in dessen Falten man mehr als nur ein Amulett verstecken konnte.
Der nächste Schritt waren Informationen. Dafür suchte sie »Die rostende Klinge« auf, eine Hafenkneipe, in der Gerüchte schneller die Runde machten als billiger Fusel. Ihr Kontakt war ein Mann namens Finneas, ein Informationshändler mit einem Gedächtnis wie eine Bibliothek und einer Loyalität, die nur vom Gewicht des Goldes abhing.
Lyriel schob ihm ein paar Münzen über den klebrigen Tisch. »Der Ball heute Abend. Wer ist da?«
Finneas grinste zahnlos. »Wer nicht? Die Rotmasken sind in der Stadt. Man sagt, sie haben es auf die Sammlung des Magistrats abgesehen. Dann gibt es noch ein paar freischaffende Spione, die auf politische Geheimnisse lauern. Und natürlich die üblichen Amateure, die hoffen, den großen Wurf zu landen.« Er beugte sich vor, seine Stimme wurde zu einem Flüstern. »Der Ball ist kein Fest. Es ist ein Jagdrevier. Jeder dort ist entweder Jäger oder Beute.«
Er zögerte, nahm noch einen Schluck von seinem Bier und fügte dann leise hinzu: »Aber sei gewarnt, Lyriel. Das Gerede auf der Straße ist seltsam. Es geht ein besonderes Gerücht herum. Ein wertvolles Amulett soll den Besitzer wechseln.« Er sah ihr direkt in die Augen, und sein Grinsen war verschwunden. »Du bist nicht die Einzige, die es auf ein Juwel abgesehen hat.«
© Kreative-Schreibwelt 2026-01-30