Lyriel – Der Maskenball der Diebe # 9

Kreative-Schreibwelt

von Kreative-Schreibwelt

Story

Hinter dem Vorhang empfing sie die gleiche staubige Enge wie zuvor, doch dieser Tunnel war anders. Er war älter, ein Relikt aus der Zeit, als die Residenz noch eine Festung war. Und er war gesichert.

Kaum war Lyriel zehn Schritte gegangen, hörte sie ein leises Klicken. Ihr Instinkt, geschärft durch Jahre des Einbrechens, ließ sie zur Seite hechten. Im selben Moment schwang ein metallener Arm aus der Wand und sauste genau dort vorbei, wo eben noch ihr Kopf gewesen war. Eine primitive, aber effektive mechanische Falle.

Das Phantom war nicht nur ein Dieb, es war ein Bastler. Oder es kannte die alten Geheimnisse des Hauses.

Lyriel zog zwei kleine Dietriche aus einer versteckten Tasche am Handgelenk. Sie waren nicht nur zum Schlösserknacken gut. Vorsichtig tastete sie sich vorwärts, einen Dietrich wie eine Sonde vor sich ausgestreckt, um Druckplatten oder Stolperdrähte auszulösen.

Der Gang war ein Labyrinth aus engen Abzweigungen und tückischen Mechanismen. Einmal musste sie sich unter einer herabfallenden Gittertür hindurchrollen, ein anderes Mal balancierte sie über eine lose Bodenplatte, unter der es verdächtig hohl klang.

Das Phantom war schnell, aber es hinterließ Spuren: eine frische Schramme an der Wand, ein leises Echo in der Ferne.

Schließlich erreichte sie eine kleine Kammer, eine Art vergessener Wartungsraum für die komplizierte Mechanik der Ballsaal-Figuren. Zahnräder und Metallteile lagen verstreut herum.

Und dort, in der Mitte des Raumes, stand das Phantom. Es hielt das Amulett in der Hand und betrachtete es unter dem schwachen Licht einer einzelnen Öllampe. Es war kleiner, als Lyriel erwartet hatte, und von schmaler Statur.

Mit einer schnellen, entschlossenen Bewegung trat Lyriel aus dem Schatten. »Das Spiel ist aus«, sagte sie, ihre Stimme hallte von den Steinwänden wider.

Die Gestalt zuckte zusammen und wirbelte herum. Überrascht stellte Lyriel fest, dass sie keinen Kampf erwartete. Stattdessen wich das Phantom zurück, bis es mit dem Rücken an der Wand stand. Mit einer zitternden Hand zog es die pechschwarze Maske vom Gesicht. Darunter kam kein abgebrühter Meisterdieb zum Vorschein, kein Spion oder Attentäter. Es war ein Junge, vielleicht gerade einmal zwölf Jahre alt, mit weit aufgerissenen, verängstigten Augen und einem Gesicht, das noch zu weiche Züge für die Härte dieser Welt hatte. Ein Kind.

Darüber hinaus, einer mit eindeutig zu viel Talent für Fallenbau und einem gefährlich gering ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb.

© Kreative-Schreibwelt 2026-04-10

Genres
Science Fiction & Fantasy
Stimmung
Abenteuerlich, Herausfordernd, Komisch, Hoffnungsvoll, Mysteriös
Hashtags