Mama Maremma

von Klaus Rafenstein

Der Lancia und ich werden von der Toskana wie ein Stück Holz in den Fluten umhergetrieben. Wir schlängeln uns durch saftig runde Weinberge direkt hinein in majestätische Zypressen-Alleen. Hie und da ragt ein Kirchturm am hügeligen Horizont mit seinem Rennaisance-Krönchen aus dem Blau des Himmels, man könnte glauben eine Giraffe rekelt den Hals in die morgendliche Prärie. Finalmente schwemmt es uns an der Küste nahe Grosseto an. Ich steige in den weichen Sand und sage „Hallo“ zum Meer. Tosendes Rauschen ist die Antwort.

Maremma! Dein Name klingt wie die Mutter der Natur. Verschwenderisch üppige Vegetation. Die Wellen des Thyrennischen Meeres verneigen sich im Sekundentakt ergebenst wie Diener vor deinem Küstensaum, bevor sie sich devot wieder ins Meer zurückziehen. Hundertjährige Mammut-Pinien ziehen permanent Millionen von Hektolitern für ihr saftig grünes Dach aus der Erde, man könnte glauben das Meer wäre ihre Tränke. Knorrige Olivenbäume wachsen wie Unkraut am Straßenrand. Ich checke ein im „Giardino dei Sugheri“ – Der Garten der Korken! Wie schön. Leben aus der Fülle. Besser als in der Halde der leeren Flaschen zu wohnen. Es geht zum Weingut. Le Mortelle! Königlich mutet das Eingangsportal. So etwas kenne ich nur aus Südafrika. Der Winzer Massimo empfängt mich herzlich. Meine Ankunft dürfte angekündigt gewesen sein. „Du bist a a Unsriger, stimmt’s?“ werde ich vom Redelsführer der Verkostungs-Gruppe gefragt. Wie wenig hab ich das vermisst. Ich nicke. Er wendet sich Massimo zu: „Can I have a Tschianti? A white one? Maybe gespritzt?“ Wie kann man mit nur 3 Sätzen ansatzlos in die Niveautiefen des Mariannengrabens abtauchen? Er kann’s! Carlo, wie ich kurz darauf erfahre. Zu Hause ist er der Karl, manchmal auch Karli genannt. Doch in Italien ist er der Carlo. „Klingt italienischer. Und männlicher!“ ergänzt sein Alter Ego während er seiner Christl einen Klaps auf den Po gibt. Christl bleibt Christl. Hüben wie drüben.

„Irgendwie erinnert mi des ollas do ans Südburgenland.“ erfahre ich seine kosmopolitische Weltanschauung. Kommt mir fast vor wie „Der Grand Canyon erinnert mich ans Leithagebirge“, welches von Realisten gerne das Leithagebüsch genannt wird. Mir stößts sauer auf. Ab zurück ans Meer. Mit Blick auf das Wellenspiel genieße ich den kühlenden Pinienschatten. Ich bewundere euch triumphalen Geschöpfe. Vom Samenkorn bis zum Tod am ident selben Ort. Keinen Zentimeter verrückt. Werde ich das auch einmal schaffen? Am selben Ort zu bleiben? Sesshaftigkeit? Das Angekommen-Gefühl nachhaltig in mir tragen?

„The answer is blowing in the wind.“ Ich erinnere mich an die Aufführung des Schullieds. Von Bob Dylan. Damals. Am Gymnasium. Im zweiten Bezirk. Jeden Tag. Am selben Ort. Und es fühlte sich gut an.

Die Sonne setzt zum finalen Show Down an. Bald wird die Luft schwarz sein. Das Ende naht. Wessen Hand werde ich am Ende halten? Werde ich überhaupt eine halten? Und wo werde ich sein, wenn das Licht ausgeht? Das Ende wird’s zeigen. Ich bin neugierig. Bis dahin beherzige ich Steve Job‘s Credo: Stay hungry! Stay foolish!