Mein Baustellen-Engel

von Klaus Rafenstein

„Meine Buam wissen net amoi in wöcha Richtung ma die Hazung aufdraht“ habe ich es in meiner Kindheit oft aus dem Mund meines Vaters gehört. Der Apfel fĂ€llt nicht weit vom Ross, heißt es landlĂ€ufig oft. Mein Bruder und ich sind aus handwerklicher Sicht recht weit von meinem Vater weggefallen. Er ein handwerklicher Tausendsassa, wir die Obernullen. Vielleicht auch deshalb geworden, weil wir bei seiner Handwerks-Akrobatik zuerst als kleine Buben, dann als heranwachsende Teenager, stets einen Job in seiner NĂ€he hatten: Den des „Zureichers“. NĂ€gel halten. Schrauben sortieren. Irgendwas holen. Das war’s. Die vĂ€terliche Handwerkskunst ist an uns vorbeigerast wie der ICE am Bahnschranken, nie gab’s BerĂŒhrungspunkte. Nur vom Zuschauen lernt ma nix. Und das TUN wurde uns eifrigst verwehrt.

Vor 2 Jahren hab ich beschlossen Haus zu bauen. Nachdem mein Vater die HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammengeschlagen hat, der Architekt den Plan gezeichnet und der Baumeister den Rohbau hingestellt hat, da lernte ich dich kennen.

Apropos „Baumeister den Rohbau hingestellt hat“. Das erinnert mich fast an diese epochalen Sager „Napoleon hat die Schlacht gewonnen“ oder „Kaiser Franz Joseph hat Krieg gefĂŒhrt“. Das klingt fast so, als hĂ€tten sich diese EdelmĂ€nner wirklich selbst die HĂ€nde mit klebrigem Blut schmutzig gemacht oder gar ihr Leben am Schlachtfeld riskiert. Vielmehr saßen sie in der geheizten Stube, bei von Dienern und Lakaien serviertem Tee, und ließen sich von den Boten die Neuigkeiten aus dem SchĂŒtzengraben schildern. Ähnlich der Baumeister, der hin und wieder im protzigen BMW seine Arbeitsbienen ĂŒberprĂŒfen kam. Eh alles flott? Schließlich ruft die nĂ€chste Baustelle. Die Saison ist kurz, die Kalkulation knapp. Das Foto des fertigen Hauses hĂ€ngt nun an der Pinnwand im BĂŒro, dort wo alle GebĂ€ude hĂ€ngen, die „er“ gebaut hat.

Egal, zurĂŒck zu dir! Du heißt Stani und bist mein Baustellen-Engel. Polnische Genauigkeit ist dir genauso in die DNA geschrieben wie deine bestĂ€ndige Meinungstreue. Kein Millimeter Abweichung wird toleriert. Dein Wort ist Gesetz. Doch was dir der liebe Gott zum GlĂŒck auch mit in deinen Talente-Pool gelegt hat, das ist eine entzĂŒckende Prise Humor.

Nachdem du in den letzten 2 Jahren jeden Zentimeter meines Hauses verspachtelt, ausgemalt, versiegelt oder verfliest hast, bist du nun drauf und dran mir ein wunderschönes Gartenhaus zu bauen. Heute bin ich schon zeitig raus um mit dem Spaten meine ElefantengrĂ€ser umzupflanzen. Deine Augen waren groß als du gemeint hast: „Klaus, ich habe dich noch nie mit Werkzeug in die Hand gesehen. Bitte pass auf!“ Das war das erste LĂ€cheln, das du mir heute entlockt hast. Als du mich dann gefragt hast, wo ich denn gerne das Licht in der GartenhĂŒtte hĂ€tte, habe ich gemeint: „Direkt ĂŒber der Werkbank.“

„WofĂŒr eine Werkbank?“ hast du mich verwundert gefragt. „Ich brauche keine. Und du auch nicht!“

PS: Danke, dass du mir meine Heizung ohne Drehregler sondern mit +/- Tasten montiert hast.

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