Paleochora

von Klaus Rafenstein

Radschlösser-Verkäufer? Fehlanzeige. Warum? Weils hier keine Radschlösser gibt.
Was man nicht braucht, wird hier gar nicht erst erfunden. Gegenseitiges Vertrauen ist kein Ideal – es ist Grundausstattung. So selbstverständlich wie Olivenöl auf dem Tisch und der Wind im Haar.

Der Süden von Kreta ist kein Ort, er ist eine Haltung. Mehr Ziegen als Menschen. Am Küstensaum mischt sich manchmal afrikanisches Radio in die Luft, als hätte jemand versehentlich den Kontinent verwechselt. Zwischen uns und Afrika liegt nichts als Wasser – flach, weit, offen. Außer im April. Da dreht der Wind durch. Dann wachsen aus Wellen plötzlich Wasserberge, und der Frühling bläst sich die Backen auf wie ein ehrgeiziger Trompeter, der unbedingt den Sommer herbei pusten will. Wenn der Wind Pause macht, spazieren wir am Nachmittag in Bikini und Badehose am Kafenion vorbei. Astrid bleibt stehen. Blinzelt. Schaut nochmal rein. „Das ist ein Männercafé?“ Ich nicke. „Nur Männer?“ Ich nicke nochmal. Erst am dritten Tag akzeptiert sie, dass das kein kulturelles Missverständnis ist, sondern Alltag. Kein einziger Funke Östrogen in dieser bärtigen, brummenden Testosteronwolke. Abends kehrt sich das Bild um. Wir laufen geduscht & geschniegelt in Daunenjacke und Haube durchs Dorf. Die Männer im Kafenion tragen noch immer exakt dasselbe Outfit wie am Nachmittag: Jeans. Shirt. Fertig. Sie schauen uns an. Schütteln den Kopf. Aber sie lächeln dabei. Immer. Dieses Lächeln ist kein Spott. Es ist eher so ein: Ihr seid seltsam, aber wir mögen euch trotzdem. Und genau das ist die Aura dieses Dorfes: Wohlwollend. Und herzlich. Es ist schön, dem Dorf beim Erwachen zuzusehen. Jeden Tag ist es eine Hausmauer mehr oder auch eine Gehsteigkante, die den frühlingshaft-frischen typisch griechischen weißen Anstrich verpasst bekommt. Wie beim Adventskalender leuchten jeden Tag mehr Lichter aus den zuvor finster verschlossenen Schaufenstern und Tavernen. Georgeos sitzt abends auf dem Dach seines Ziegentransporters und streicht seinen Pick-up knallrot. Mit Hingabe. Mit Ruhe. Die Frage „Was hält das Ding zusammen?“ hat mehrere valide Antworten: a) Rost b) Dreck c) Lack?
Die richtige Antwort ist vermutlich: Alles gleichzeitig.
Die Karosserie trägt Dellen wie Orden. Jede einzelne erzählt von einer Ziege, die entweder rein- oder rauswollte – und zwar sofort.
Es ist wie bei einer guten Vintage-Jeans: Je ramponierter, desto schöner. Nur, dass man hier nicht dafür bezahlt, dass es so aussieht. Yiannis betreibt ein Souvenirgeschäft. Abends sperrt er brav zu. Ordnung muss sein. Seine Ware hängt allerdings draußen. T-Shirts, Pullis – frei zugänglich. In Westeuropa wäre das ein Experiment. Hier ist es Alltag.
Denn wo es keine Radschlossverkäufer gibt, gibt es auch keine Leute, die Dinge einfach mitnehmen. Und dann ist da noch das Polizeiauto. Es steht seit unserer Ankunft am Hauptplatz. Unbewegt. Unbemannt. Unbeeindruckt. Astrid ist überzeugt, es sei Dekoration. Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht ist es Abschreckung. Einen echten Polizisten haben wir hier all die Tage noch nicht gesehen. Wie in der Heimat der grüne Pappkamerad uns ermutigt, langsamer zu fahren, so ist das Auto hier der erhobene Zeigefinger der Justiz. Was die Herren im Kafenion wahrscheinlich genauso zum lächelnden Kopfschütteln bringt, wie die DaunenjackenträgerInnen.