Peregrina. Pt. 3

sentido_y_locura

von sentido_y_locura

Story

Wir entfliehen unseren Zelten zähneklappernd im Morgentau. Das Kondenswasser erspart uns die morgendliche Dusche, die Unmengen an Ohrenkneifern in den hintersten Zeltwinkeln lassen unsere Ekelschreie über die Wiesen hallen. Ab ins feuchtklamme Wandergewand. Der Geruch unserer Socken und Schuhe ist an Grausamkeit nicht zu überbieten. Ein zusätzlicher Blick in die Handyfrontkamera zeigt, zwei Dinge sind Weitwanderinnen ganz bestimmt nicht: hübsch und wohlriechend.

Die Kilometer schlängeln sich über Berg und Tal. Idyllische Feldwege wechseln sich mit Teerstraßen ab. Der Johannesweg empfängt uns mit Nieselregen und später sengender Hitze. Zum Akkuladen kehren wir ins nächste Dorfwirtshaus ein, wo uns sogleich der Stammtisch des hiesigen Traktorvereins adoptiert. Wir kippen einen Radler und wandern weiter. Am Ortsrand schließlich schlüpft ein Anrainer aus seiner Garage. In den Händen hält er eine Flasche Zirbenschnaps und zwei Stamperl – unser nächster neuer bester Freund. Einige Kilometer weiter ein Wildbach. S. liebt eiskaltes Wasser. Wir ziehen uns nackt aus und waschen uns den Schweiß vom Körper. Ich steige mit blaugefrorenen Lippen aus dem Bachbett, S. mit strahlenden Augen und breitem Grinsen.

Die zweite Nacht verbringen wir legal am höchsten Punkt des Pilgerwegs neben einer Kapelle. Der im Voraus um Erlaubnis gefragte Grundbesitzer kämpft sich mit dem Fahrrad die Anhöhe hoch, um uns eine gute Nacht zu wünschen. Dann wieder bellende Rehe, schmerzender Rücken und schneidende Kälte.

Wir erwachen bei Morgentau und Nebel. Unser Körpergeruch schockiert uns, das gestrige Eisbad im Wildbach hat keinerlei olfaktorische Erleichterung gebracht. Nachmittags stürzt S., der Schotter schlitzt ihr die Knie auf, ihr Knöchel pocht. Quälend langsam schleppen wir uns in ein Hotel. S. versorgt ihre Wunden, ich dümple im hoteleigenen Hallenbad vor mich hin. Die Rast im Hotelbett fühlt sich seltsam an. Meine Füße schmerzen beim Gehen auf menschengemachtem Untergrund, ich sehne mich nach meinen Trailrunnern auf Feldweg.

Morgens entsorge ich meine Wandersocken im Mülleimer. S. beschließt leicht humpelnd durch die ebenen Ortschaften unserem Ziel entgegenzugehen, während ich im Einvernehmen mit ihr am hügeligen Johannesweg verbleibe. Erstmals alleine lege ich die letzte Etappe unserer Pilgerreise zurück. Nun bin ich ganz auf mich konzentriert, meine Gedanken jagen durch die Landschaft, die Musik in meinen Ohren lässt vergangene Erfahrungen durch den Asphalt der Straßen brechen. Der Wind trocknet mein plötzlich tränenüberströmtes Gesicht.

Nach 18 Tageskilometern die erlösende Ortstafel „Pierbach“. Bald ist es geschafft. Vom Dorfzentrum aus schleppe ich mich ein letztes Mal steil bergauf bis zum Endpunkt des Pilgerwegs. Am Gipfel wartet im gleißenden Sonnenlicht ein Rastplatz mit Friedenskreuz. Ich stelle meinen Rucksack ab und spreche ein Gebet.

„Finis terræ Johannesweg“ – ich bin angekommen.

© sentido_y_locura 2021-08-16