Prosecco-Fiasko am Lago

von Klaus Rafenstein

Wir pedalieren die majestätische Ponale hinauf durchs Valle di Ledro zum Lago die Ledro. Der Ledersee blitzt tĂĽrkisblau in der trentiner Sonne. “Warum heiĂźt er Ledersee?” fragen wir Giuseppe. “Der Sage nach gab es hier einst einen riesigen FKK-Strand fĂĽr Pensionisten…” teilt er uns mit einem Schmunzeln mit. Es geht heiter weiter. Die Luft wird dĂĽnner, der Schnee wird mehr. Gipfelerlebnis Tremalzo. Schicksalsberg. Europa’s Mountainbike-König. Was die Streif fĂĽr den Alpinen Schilauf ist, bist du Tremalzo fĂĽr uns Biker. Der Blick von fast 2.000 Höhenmetern ins Tal zum Lago di Garda lässt die Schmetterlinge in unseren Radfahrerbäuchen frohlocken. 92,8kg gestern auf der Waage. Once in a Lifetime All Time High. “Flatten the Curve!” Was lange Zeit das Motto von Pandemie-Analysten war, ist nun mein sportliches FrĂĽhlings-Credo. Die Bergdohlen kreisen ĂĽber uns. Arme Vögel, ihr mĂĽsst talwärts fliegen, wir dĂĽrfen cruisen. Beim Bergfahren hab ich meine Fettdepots schmelzen gehört. Daniel meint, beim Runterfahren bin ich im klaren Vorteil. “Tolle Bodenhaftung und Top Vortrieb.” sagt er mir während er sich vorsorglich seine Oropax ins Gehör schraubt, aus Respekt vor dem bevorstehenden Ăśberschall-Knall. Es geht los. FĂĽr unser Biker-Herz ist heute Weihnachten. Die Reifenstollen jubilieren. “Geschwindigkeit stabilisiert” hat mein Bike-Mentor Peter mir bei meiner ersten Tremalzo-Abfahrt in meiner Jugend mit auf den Weg gegeben. Möge dieses Downhill-Gesetz nach all den Jahren noch immer gĂĽltig sein. Der Fahrtwind verweht mit Eiseskälte den SchweiĂź aus unserem Gesicht. 2 Freunde. 1 Berg. 1 See. Es ist angerichtet. Herzensangelegenheit Mountainbiken. Orgasmus auf 2 Rädern.

Zurück im Tal entspannen wir auf unserer Suite-Terrasse. Diskutierend, wer den blauen und wer den rosanen Bademantel bekommt, steigen wir in den Whirlpool mit Seeblick. Plötzlich: Krach! Eine der beiden ungekühlten Prosecco-Flaschen wählt den Freitod durch Sturz von der Whirlpool-Kante. Tausend Splitter und viel duftender Schaum. Im gleichen Moment klingelt das Telefon. “Hallo! Hier ist die Rezeption. Wir würden jetzt kommen, um den defekten Kühlschrank zu tauschen.”

“Ok, könnt ihr bitte gleich Schaufel und Besen mitnehmen?”

Mit einem Gefühlsmix aus Dekadenz und galaktischem Scham blubbern wir wie Oligarchen-Bonzen im warmen Wasser, während die Rezeptionistin vor uns das Prosecco-Malheur zusammenkehrt. Ich erspüre Revanche-Gelüste in ihr. Raffaella ist süß. Wie Raffaello, nur mit a hinten dran. Sie mag uns. Schon seit dem wir mit italienischer Hintergrundmusik unsere Ankunft aus dem Auto von der Strada del Sole aus avisiert haben.

Raffaella bemerkt, dass wir mit unserem Prosecco-Malheur auch die beiden Bademäntel versaut haben und bringt uns 2 neue. Sie verlässt lächelnd die Terrasse. Unser nächster Blick verrät, dass ihre Revanche-Gelüste echt waren: Beide sind rosa.

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