September

Luisa Lehr

von Luisa Lehr

Story

Ich hätte ihn nicht gehen lassen sollen, denke ich, als ich die Tür schließe, aus der er gerade endgültig getreten war und mit der warmen, schweren Stille in meiner Wohnung zurück bleibe.

Ich fühle mich so alleine, wie noch nie.

Wir waren zwar nichts Halbes und nichts Ganzes gewesen, aber an den Gedanken, wir könnten ein Wir werden, hatte ich mein Herz schon gehängt.

Ich hatte ein gutes Gefühl gehabt. Endlich mal. Nach all den Jahren, in denen ich mich schon nach Familie sehne, hatte ich endlich jemanden gefunden, mit dem ich mir auch hätte vorstellen können, eine zu gründen.

Und die Uhr tickt, sagen all die Stimmen, die nicht schweigen wollen. Und ich höre das Ticken ja auch. Gleich neben meinem Herzschlag. Das macht den Abschied noch schwerer.

Ich hätte ihn noch einmal zurück rufen können, aber das tat ich nicht.

Wir hatten einen Sommer zusammen gehabt, mit Freibadpommes, sonnengebräunter Haut und schlaflosen Nächten, aber das hat wohl nicht gereicht.

Ich hatte mich schon auf einen gemeinsamen Herbst gefreut. Mit kuscheligen Decken und heißem Tee, während draußen der Regen fällt.

Aus der Distanz betrachtet, scheint bei uns alles gepasst zu haben. Aber offensichtlich war das mit uns nun mal keine Liebesgeschichte.

Auch wenn da Liebe war.

Ich hätte ihn nicht gehen lassen sollen, denke ich noch einmal, während ich mich erschöpft auf meine Bettkante setze und zusehe, wie kleine Staubkörnchen im dunklen Licht des Sommerabends tanzen.

Ich hätte ihn nicht gehen lassen sollen, denke ich.

Ich, die nicht weiß, dass er, der gerade aus dem dämmrigen Treppenhaus in die letzten warmen Sonnenstrahlen des Abends, vielleicht sogar die letzten warmen Sonnenstrahlen dieses Sommers, tritt, denkt, ich wäre gerne geblieben.

© Luisa Lehr 2022-07-04

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