von Klaus Rafenstein
Wir kennen uns nicht. Wie so oft am großen Markt des Mitsegelns. Die Crew ist bunt. Und illuster.
Erster Abend: Der Kapitän erklärt uns, wo beim Boot vorne & hinten ist. Die Schwestern Gerti und Ines staunen. Heinz ist pensionierter Kommentator. Er kommentiert das Dinner permanent. Manchmal fragt er seine Hanni: “Schatzi, trinkst du eh gnua?” Ich beneide sie, wurde ich selten vom Schatzi gefragt. Mein bester Freund steht rechts vom Captain und heißt “Grasevina”. Er schmeckt. Und wirkt. Ich glaube, es wird eine Woche der Impulskontrolle.
Auch, weil ich mich manchmal mit dem schallenden Lachen zurückhalten muss. Der Captain schildert uns bei der letzten Weinflasche im Flammen-flackern am Bootsdeck die Rituale für morgen. „Wenn wir in See stechen, müssen wir den ersten Schluck vom besten Tropfen, den wir an Bord haben, zu Ehren des Poseidon ins Meer schütten. Oder ihm eine Jungfrau widmen.“ Kommentator Heinz schaut in die Runde und meint: „Da müss ma morgen in der Früh noch zum Konzum. Sonst geht da Poseidon laah aus…“ Thanks my friend, you made my day!
Vorm Schlafengehen gibt es noch Knotenkunde. Palstek und seine Freunde bereiten mir seit Jahren in jeder maritimen Woche aufs neue Kopfzerbrechen. Doch da muss jeder Segler durch. Da kennen die Kapitäne kein Erbarmen. Doch heute lerne ich frisches dazu! „Kennt ihr den gezogenen Achterknoten?“, fragt der Kapitän in die Runde der ahnungslosen Gesichter. Kopfschütteln. Unisono. Im warmen Lichte der Petroleumleuchte verfolgen wir seine Hände. Wie ein Magier formt er aus dem geraden Stück Seil einen Achterknoten – um ihn dann auf den zerfurchten Mahagonitisch zu legen…um ihn langsam darüber zu ziehen. Ich mag den Humor auf unserem Boot. Sehr!
Absacker vor dem Schlafengehen. In manchen Gegenden gibt es dieses Getränk gar nicht. In manchen hat es ein heimliches Dasein und erscheint am Wirtstisch nur nach ausdrücklichem Verlangen. Wahlweise mit oder ohne Eiswürfel. Hier in der kroatischen Inselwelt bekommt es sogar einen Ehrenplatz auf so ziemlich jeder Speisekarte: das gute alte unverwüstliche Cola-Rot. „Bonanza“ in heimischen Retro-Discos, hier im rustikalen Süden wird es liebevoll “Bambus” genannt. „Mit welchem Wein?“, fragt mich der junge Kellner. Als ob das nicht wuascht wäre. “Egal” sag’ ich ihm und oute mich als Edelprolet.
Ich wähle die Hängematte an Deck als Schlafgemach. Crewmitglieder meinen, diese Wahl gleiche dem Freitod, entweder durch Erfrieren oder durch bananenartige Dauerkrümmung der Wirbelsäule. Weder noch, mein oppurtunistisch-biegsames Rückgrat liebt diese Herausforderung und im Morgengrauen überlegt sogar eine Schweißperle, ob sie die Schläfe herunterrollen soll, bleibt dann aber doch dort, wo sie ist. Der abendlich zugeführte orale Frostschutz wirkt.
Ich schaue beim Sonnenaufgang auf das spiegelglatte orange Meer, es gleicht einem holländischen Eislaufplatz, und frage mich: Wäre ein Bambus beim heutigen in See stechen auch eine passende Opfergabe für Poseidon?