von Klaus Rafenstein
Ha ha! Hier gibt es also keine Pandemie. Nur Russen. “We are already all sputniked!“ verkünden sie lauthals mit geschwelter Brust. Die Männer mit auftrainierter. Die Damen mit aufsilikonierter.
Der Dancefloor ist genauso voll wie seine TänzerInnen. Der Model Contest ist ein harter Ägypten-Einstieg für mich. Es fühlt sich eher an wie ein Bös-Schau-Contest. Die Cuba Libres machen es erträglicher. Wladimir möge mir eine Pipeline an meinen Barhocker legen. Es gibt schöne Russinnen, keine Frage. Nur die meisten sind es nicht und tun so, als wären sie es. Neben Silikon ist der Selfie Stick der beste Freund. Die aufgespritzten Lippen schmollen unnatürlichst vor dem türkisen Meereshintergrund in die Kamera. Big Spender! Möge der Köder verlockend genug und dein Börserl dick genug sein.
Die vollbärtigen Männer an den schmoll-lippigen Seiten genießen den Anblick ihrer Trophäen und schütten eifrig All Inclusive Gratisbier nach, nicht dass das Wohlstandsgewölbe einfällt.
Die russische Mentalität wechselt hier zu meiner Freude oft mit herzlicher ägyptischer Mentalität. Ibrahim liebt seine zwei weißen Wasserrutschen. Auch wenn hier einige Wasserhähne verkalkt, Sonnenschirmständer verrostet und Strohdächer ausgefranst sind: Seine Rutschen hält er penibelst in Schuss. Mit einem Teleskopbesen putzt er sie mit eigens angemischten Spülmitteln, innen & außen. Damit sie noch rutschiger sind. Wenn sich zwei faule Badegäste aus der Strandliege wälzen und auf das Rutschabenteuer einlassen, dann ist die Euphorie in ihm nicht zu stoppen. Er pfeift um den Rutsch-Start zu signalisieren, er pfeift um das Rutsch-Ende zu signalisieren, und dazwischen pfeift er viele Male um den Rutscherfolg zu unterstützen. Im Auslaufbecken angekommen gibt es obendrein ohrenbetäubenden Rutschapplaus. Rutschwart Deluxe!
Ab an die Beachbar um den Sonnenuntergang vorzubereiten.
“Austria? Really?“ Glitzern in Mustafa’s Augen. Ein warmes “Servus” tönt mir entgegen. Gleich & gleich gesellt sich gerne. Sein Ottakringer T-Shirt am nächsten Tag ist kein Zufall. Das Trinkgeld hat er sich fürstlich verdient. Nicht jeder traut sich mit einem Ottakringer T-Shirt in die Öffentlichkeit.
Mustafa hat eine Mission. Für ihn bin ich sein lebender Münzwechselautomat. All die mühsam erstandenen Euro-Trinkgeld-Münzen versucht er vergeblich seit einem Jahr in harte Währung, sprich in Scheine, zu konvertieren. Seine Erlösung steht vor ihm. Und bestellt Cuba Libres.
Sonnenuntergang. Ich liebe diesen weichen, seidigen Abendwind, der um die Liege kreiselt. Das nasse Meersalzhaar trocknet im Nu. Durstige Wüstenluft liegt in der Luft. Die orangefarbene Sonne setzt sich auf die Palmenwedel, bevor sie hinter ihnen und den Wüstenhügeln absalutiert. Der Cuba Libra schmeckt. Ein Mantel aus Gemütlichkeit und Wohlwollen breitet sich aus.
Mit klimpernden Münzen in der Hosentasche erhebe ich mich von der Liege und schreite zur Abenddusche. Pandemiepause.