Silvesterabend. Die Wohnung war voll mit Raclette-Geruch, Sektgläsern und einer unbestimmten Mischung aus Vorfreude und Müdigkeit. Max hatte es sich mit Chips auf dem Sofa bequem gemacht, Sarah sortierte vorsorglich Wunderkerzen in einem Glas, und ich – natürlich – saß mit meinem Laptop am Fenster.
Draußen knallten schon die ersten Raketen. Ich fühlte mich inspiriert. »Die Nacht erstrahlte wie ein brennender Phönix, der im Funkenregen wiedergeboren wurde«, murmelte ich und tippte eifrig.
»Du solltest echt einfach anstoßen, statt die Apokalypse zu beschreiben«, rief Max.
»Das ist Kunst!«, verteidigte ich mich. Ein lauter Böller krachte draußen, die Fensterscheiben vibrierten. »Das Donnergrollen zerriss die Dunkelheit wie der Zorn der Götter«, schrieb ich.
Sarah trat neugierig hinter mich, las über meine Schulter und begann zu lachen. »Äh … weißt du noch, dass du eigentlich eine romantische Szene schreiben wolltest? Dein Liebespaar küsst sich jetzt, während draußen Ragnarök stattfindet.«
»Künstlerische Freiheit!«, meinte ich ernst, auch wenn ich spürte, wie die Worte absurd klangen.
Ein besonders lauter Knall ließ mich zusammenzucken. Offenbar hatte ich dabei lauter gesprochen, als ich dachte, denn plötzlich rief jemand vom Balkon gegenüber: »Ey, super Texte eben! Voll poetisch, Mann!«
Ich erstarrte. Mein Nachbar grinste mir im Licht einer Wunderkerze zu.
»Na toll. Jetzt bin ich offiziell der Pyro-Poet.«
Max lag vor Lachen fast am Boden. »Besser kannst du das Jahr nicht beenden!«
Sarah grinste und prostete mir zu. »Hey, immerhin hast du jetzt ein Alleinstellungsmerkmal. Während andere bloß Raketen anzünden, verwandelst du sie in Weltliteratur.«
Ich schloss beschämt das Fenster, sank ins Sofa und nahm endlich ein Glas Sekt in die Hand. Draußen explodierte der Himmel, drinnen explodierte mein Laptop voller Metaphern.
»Vielleicht sollte ich doch einen Thriller schreiben«, stöhnte ich. »Titel: Tod um Mitternacht. Passt perfekt.«
Max hob sein Glas. »Auf ein neues Jahr voller genialer Ideen, die keiner versteht!«
Wir stießen an, lachten, und während draußen die Raketen tobten, schwor ich mir: Im nächsten Jahr würde ich wirklich mal romantisch schreiben. Oder … auch nicht.
Ich wünsche euch allen einen »guten Rutsch« ins neue Jahr!
© Kreative-Schreibwelt 2025-12-31