Es begann mit einem harmlosen Klick.
Eigentlich wollte ich nur nachschauen, ob ich die neueste Version meines Manuskripts „Die Stille im Sturm“ gespeichert hatte. Spoiler: Hatte ich nicht. Stattdessen klickte ich auf »Speichern unter« und – fragt mich nicht wie – ersetzte dabei die Datei mit einem alten Entwurf. Zack. 18 frisch ĂĽberarbeitete Seiten? Weg. Einfach … puff.
Ich saĂź da. Starrte auf den Bildschirm. Mein Herz schlug schneller, aber nicht auf die romantische Art. Eher wie ein untrainierter Hamster auf Koffeinkick. Ich durchforstete alle Ordner. Suchte nach Sicherungen. Fand exakt: Nichts.
»Ernest«, sagte ich, während ich dem Kaktus ein wenig zu heftig gegen den Topf schnippte, »du warst dabei! Du weißt, wie gut das war!« Er schwieg. Natürlich. Wahrscheinlich war auch er enttäuscht. Ich jedenfalls war kurz davor, Google nach »Wie kündige ich meine Existenz als Autor?« zu fragen.
Ich rief Max an. »Alles weg. Die Kapitel. Einfach gelöscht!«
Max, der wahrscheinlich gerade irgendwo im Café saß, antwortete gelassen: »Na und? Schreib’s halt nochmal.«
»Das ist wie zu sagen: Mach dein Kunstwerk nochmal, nachdem ein Vogel drauf geschissen hat.«
»Besser. Jetzt weißt du, wo der Vogel gesessen hat.«
Ich hasse es, wenn Max recht hat.
Nach zwei Stunden Selbstmitleid, einem halben Liter kalten Kaffee und einem sehr ernüchternden Gespräch mit Ernest (»Du hättest das Manuskript retten können, wenn du WLAN hättest, du stacheliger Feigling.«), setzte ich mich wieder an den Laptop.
Ich versuchte, mich an die Szenen zu erinnern. Dialoge. Übergänge. Dieser eine Moment, in dem die Hauptfigur endlich den Mut fasst, ihre Wahrheit zu sagen – war der besser oder nur länger?
Ich fing an zu schreiben. Erst stockend, dann flüssiger. Und irgendwann merkte ich: Das war gar nicht so schlecht. Die Dialoge wirkten ehrlicher. Die Szenen dichter. Ich hatte plötzlich das Gefühl, die Geschichte nicht nur zu wiederholen, sondern wirklich zu erzählen.
Gegen Abend war ich müde, aber zufrieden. Ich hatte nicht alles exakt rekonstruiert, aber dafür etwas Besseres geschaffen: eine Version, die mehr Tiefe hatte. Weniger Schnörkel, mehr Gefühl.
Ich lehnte mich zurück, sah auf Ernest. »Weißt du, alter Stachelbär«, meinte ich zu ihm, »vielleicht ist Verlieren gar nicht das Ende. Sondern der Anfang von etwas, das man sich vorher nicht getraut hat zu schreiben.«
Er schwieg. Wieder mal. Aber diesmal kam es mir vor, als nickte er stumm.
© Kreative-Schreibwelt 2025-08-13