Ich saß im Café an meinem üblichen Platz am Fenster, bewaffnet mit einem viel zu heißen Cappuccino und meinem Handy. Eigentlich schwor ich mir immer, nur am Laptop zu schreiben – ernsthafte Literatur auf einem winzigen Display? Lächerlich. Aber Not macht erfinderisch. Und da mich die Inspiration mitten auf dem Weg hierher überfallen hatte, wollte ich den genialen Satz sofort festhalten.
»Dramatischer Schicksalsschlag«, tippte ich mit schwungvollem Daumen. Mein Handy machte daraus: »Dramatischer Schokoschlag.«
Ich starrte auf das Display. Schokoschlag. Das war kein Fehler – das war eine Offenbarung.
Plötzlich sah ich meinen Helden nicht mehr von einem finsteren Schicksal getroffen, sondern von einer tückischen Dessert-Attacke. Eine tortewerfende Antagonistin. Ein Pudding-Duell im Morgengrauen. Ich kicherte so laut, dass die Frau am Nebentisch irritiert die Augenbraue hob.
Ich versuchte, zurück auf den ernsthaften Ton zu finden und korrigierte das Wort. »Schicksalsschlag.« Das Handy änderte es wieder. »Schokoschlag.«
»Na gut, dann eben Schokolade«, murmelte ich. Offenbar war die Autokorrektur der Meinung, meine Geschichten seien zu deprimierend und bräuchten mehr Zucker.
Mein Daumen raste über die Tastatur, während ich immer tiefer in diese absurde neue Version eintauchte. Statt tragischer Wendungen schrieb ich über eine geheime Bruderschaft von Konditoren, die die Welt mit Kakaopulver kontrollierten. Mein Held, ursprünglich ein gebrochener Außenseiter, kämpfte sich jetzt mit einem Löffel bewaffnet durch dunkle Mousse-Schlachten.
Ich musste lachen, als ich las, was da entstand. War das noch Literatur oder schon ein Rezeptbuch?
»Ernest würde das mögen«, dachte ich. Mein Kaktus, der zuhause geduldig auf der Fensterbank stand, hätte sicher nichts gegen eine Nebenfigur namens »Lord Kakao« gehabt. Max vermutlich auch nicht – der hätte sich wahrscheinlich schon beim ersten »Schokoschlag« ausgeschüttet vor Lachen.
Doch als ich wieder aufblickte, merkte ich, dass ich längst im Schreibrausch war. Ein Schreibrausch! Im Café! Mit Autokorrektur! Ich hatte nicht mal bemerkt, dass mein Cappuccino inzwischen kalt geworden war.
Nach einer weiteren Stunde legte ich das Handy beiseite und atmete tief durch. Mein Manuskript war keinen Zentimeter weiter, aber ich hatte das erste Kapitel von Schoko-Krieg der Welten in der Tasche.
»Vielleicht«, meinte ich zu mir, während ich meinen kalten Kaffee trank, »sollte ich Autokorrektur öfter machen lassen. Sie hat eindeutig mehr Fantasie als ich.«
Und ich schwor, beim Heimkommen Ernest zu fragen, ob er eher Team Mousse au Chocolat oder Team Sachertorte wäre.
© Kreative-Schreibwelt 2025-10-22