Tage des Schriftstellers: Das Diktiergerät

Kreative-Schreibwelt

von Kreative-Schreibwelt

Story

Ich hatte mir an diesem Morgen fest vorgenommen, produktiv zu sein. Ein Spaziergang sollte meinen Kopf freiblasen, und das neue – na gut, gebraucht gekaufte – Diktiergerät würde mir helfen, endlich diese eine Szene einzusprechen, die mir seit Tagen im Nacken saß. Also stapfte ich los, mit Kaffeebecher in der einen Hand und dem Gerät in der anderen, entschlossen, heute einmal ein professioneller Schriftsteller zu sein. Oder zumindest so zu tun.

Der Park war ruhig genug, um mich konzentrieren zu können, aber lebendig genug, um mich zu inspirieren. Ich drückte auf den Aufnahmeknopf und begann, meine Szene einzusprechen.

»Kapitel sieben. Der Held betritt die Höhle, das Licht der Fackel flackert über die Wände …« Ein Hund bellte. Ich ignorierte ihn. »… und er spürt, dass er beobachtet wird. Die Schatten …« Ein Kind kreischte. Ich ignorierte es ebenfalls. »… sind unruhig, und …« Ein Jogger rannte so dicht an mir vorbei, dass ich fast meinen Kaffee verschüttet hätte. Ich schob eine Schimpftirade nicht auf die Aufnahme, obwohl das Diktiergerät kurz verdächtig piepte.

Nach einer halben Stunde war ich halb durchgefroren, aber zufrieden. Eine gute Szene, dachte ich. Endlich mal etwas, das nicht nach Deadline-Panik oder Sandwich-Schlacht roch.

Zu Hause setzte ich mich auf die Couch, schaltete das Diktiergerät an – und hörte zu. Was dann kam, ließ mich erst blinzeln, dann die Stirn runzeln, dann laut loslachen. Statt meiner heroisch-düsteren Höhlenszene hörte ich eine Art … Stand-up-Comedy. Von meinen Figuren. In meiner Stimme, aber völlig verdreht.

»Kapitel sieben«, sagte ich da. Nur klang es irgendwie nasal, hektisch, als hätte ich Helium inhaliert. »Der Held betritt die Höhle, stolpert über einen Stein und entschuldigt sich beim Stein, obwohl der Stein definitiv keine Gefühle hat.« Ich starrte das Gerät an. »Was?« Weiter ging es mit einem Dialog zwischen Held und Bösewicht, der offensichtlich spontan zu einem Comedy-Duo geworden war: »Ich werde dich besiegen!«, »Nicht heute, mein Freund. Heute habe ich Rücken.«, »Du hast immer Rücken.«, »Ja, aber heute fühlt es sich besonders dramatisch an.« Ich rieb mir die Augen. Ich schwöre, ich habe das nicht gesagt.

Gerade als ich überlegte, ob mein Gerät besessen war oder einfach nur alt genug, um eigene kreative Entscheidungen zu treffen, klingelte mein Handy. Sarah. »Na? Produktiv gewesen?« Ich spielte ihr einen Ausschnitt vor. Ihr Lachen war so laut, dass Ernest am Fensterbrett vibrierte. »Ganz ehrlich«, meinte sie schließlich, »schreib’s auf. Das ist genial. Vielleicht ist Humor genau das, was deiner Höhlenszene gefehlt hat.«

Ich seufzte. »Oder ich brauche einfach ein neues Diktiergerät.«

»Oder beides.«

Am Ende speicherte ich die absurden Stellen in einer Datei namens „ungewollter Humor“. Man weiß ja nie. Vielleicht war das Gerät kaputt. Vielleicht war es ein bisschen Magie. Oder vielleicht sollte ich öfter spazieren gehen.

© Kreative-Schreibwelt 2026-02-25

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich, Herausfordernd, Komisch, Hoffnungsvoll, Inspirierend
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