Der Tag, an dem ich glaubte, mein Schreiben wäre unantastbar, begann mit einem harmlosen »Gefällt mir!« von einem Testleser. Zwei Stunden später rutschte mir das Smartphone aus der Hand, als die volle Nachricht aufpoppte:
»Deine Figuren wirken flach wie Pfannkuchen, dein Plot stolpert und klebt, und dein Ende ist so vorhersehbar, dass sogar mein Goldfisch es durchschaut hat.«
Ich starrte auf den Bildschirm. Pfannkuchen? Goldfisch? Ernsthaft? Ich griff nach Ernest, meinem stoischen Kaktus: »Du siehst auch nicht gerade tiefgründig aus, Kumpel.« Er blieb still – stacheliger ging’s nicht. Zweifel nagten sofort wie hungrige Termiten in meinem Kopf. Hatte ich all die Zeit wirklich nur leere Worthülsen aneinander gereiht? Ich verlor mich in einer Spirale aus Selbstvorwürfen. Jeder Satz, den ich im Kopf formte, klang plötzlich hohl.
Ich suchte Trost bei Max. Er saß in seinem Lieblingscafé, schlürfte einen doppelten Espresso und grinste schief, als ich ankam. »Na, hast du heute schon dein Ego freigelegt?«, fragte er und wischte sich ein Tropfen vom Schnurrbart. Ich warf ihm mein Smartphone hin. Er las, nickte fast respektvoll und seufzte: »Oha. Das ist … brutal. Aber hey, manchmal muss man vom Pfannkuchen zum Soufflé werden. Krass, ich weiß.«
Ich zog die Schultern hoch: »Ich fühle mich wie ein Soufflé, das im Ofen zusammengefallen ist.« Max präsentierte ein breites Lächeln. »Dann back dir’s halt neu! Lass uns dein Gerücht vom Bestseller doch nicht beim ersten Versuch verlieren.«
Zurück in meiner Wohnung betrachtete ich Ernest im schwachen Licht der Schreibtischlampe. Mein Kaktus wirkte plötzlich wie ein Mentor: stachelig, robust – trotzig. Ich dachte an jedes liebevoll gestaltete Kapitel, an die Charaktere, die in meinem Kopf lebten. Waren sie wirklich so hohl? Oder hatte ich ihnen nur noch nicht zugehört?
Ich öffnete die Datei und lugte in die Szene, die kritisiert worden war: Der Held »zieht los, um die Welt zu retten«. Langweilig! Eine Lösung jagte die nächste, ohne Emotion und Tiefe. Ich ließ mich nicht entmutigen: Ich begann, Fragen zu stellen. Warum rennt mein Held? Was hat er zu verlieren? Was würde mich wirklich wecken, wenn ich seine Geschichte lese?
Und dann legte sich der Schalter um. Ich schrieb eine neue Version: Der Held blieb zunächst im Bett – zögernd, unsicher –, geriet dadurch in echte Schwierigkeiten, und erst im dritten Kapitel wagte er den Aufbruch. Statt seichter Abenteuer, tiefe innere Konflikte. Die Figuren flüsterten, stritten, zweifelten – endlich lebendig.
Stunden später, als die Sonne hinter den Häusern verschwand, lehnte ich mich zurück. Das Manuskript wirkte frischer, ehrlicher, menschlicher. Ich klopfte Ernest sanft an den Topf: »Siehste, alter Stachelball. Heute haben wir großartig gebacken.«
© Kreative-Schreibwelt 2025-07-02