Tage des Schriftstellers: Das Wörterbuch

Kreative-Schreibwelt

von Kreative-Schreibwelt

Story

Ich wusste nicht genau, warum ich an diesem Vormittag ausgerechnet das alte, zerfledderte Wörterbuch aus dem Regal zog. Vielleicht war es Nostalgie. Vielleicht war es Verzweiflung. Wahrscheinlich Letzteres. Der Cursor auf meinem Bildschirm blickte mich seit Tagen an wie ein unzufriedener Vermieter, der endlich Miete sehen wollte.

Also griff ich zum Wörterbuch – ein Relikt aus meiner Schulzeit, der Einband so brüchig wie mein Zeitmanagement – und klappte es schwungvoll auf.
Ein Fehler.

Das Buch riss förmlich auf wie ein schlecht gesichertes Fenster im Sturm, und ein ganzer Block Seiten flatterte aus dem Rücken. Sie segelten zu Boden, drehten sich in der Luft, landeten wie gestrandete Schmetterlinge auf dem Teppich.

»Na toll«, stöhnte ich. »Literarisches Jenga.«

Ich kniete mich hin und begann, die Seiten zu sortieren. Dabei stellte ich fest, dass sich einige so miteinander verhakt hatten, dass sie neue, unbeabsichtigte Wortkombinationen bildeten. »Nach–« klebte an »—haltig«, was logisch war, aber gleich daneben fand ich »Brat–« an »—ologie«. Die Wissenschaft des Bratens? Ich fühlte mich sofort persönlich angesprochen.

In meiner Verzweiflung begann ich, die neu entstandenen Wortmonster laut vorzulesen. »Fantas–matik.«, »Dampf–kredenz.«, »Schreib–ruine.« Letzteres traf mich emotional, aber gut, Selbstreflexion war wichtig.

Ich setzte mich wieder an den Schreibtisch, legte die chaotischen Wortpaare vor mich und spürte eine seltsame Energie. Vielleicht war das ja mein Durchbruch: ein Wörterbuch, das seine eigenen Begriffe erfand. Sozusagen kreative Sabotage. Ich griff mir »Tinten–wirrnis« und schrieb spontan: »Er versank in einem Tintenwirrnis aus halben Ideen und übermotivierten Adjektiven.« Gar nicht schlecht. Ernest, der Kaktus, stand wie immer am Fensterbrett und kommentierte mit seinem stummen Vorwurf meine Existenz. »Es ist nicht meine Schuld«, meinte ich zu ihm. »Das Wörterbuch hat angefangen.« Er antwortete nicht, aber ich interpretierte sein Schweigen als Zustimmung oder zumindest als resignierte Duldung.

Dann schellte es an der Tür. Max. »Was machst du?«, fragte er und blieb stehen, als hätte er versehentlich einen Tatort betreten.

Ich deutete auf den Papierhaufen. »Wortforschung.«

»Sieht eher aus wie Vokabel-Massaker.«

Ich hob ein zufälliges Blatt. »Kennst du schon ›Schlummer–triebwerk‹? Eine bahnbrechende Innovation.«

Er nickte. »Klingt nach deinem natürlichen Zustand.«

»Tja, manche Dinge funktionieren eben am besten, wenn sie ein bisschen kaputt sind.«

© Kreative-Schreibwelt 2026-02-11

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich, Herausfordernd, Komisch, Hoffnungsvoll, Inspirierend
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