Ich hatte mir fest vorgenommen, heute produktiv zu sein. Mein Plan: früh aufstehen, Kaffee, Laptop aufklappen und endlich das nächste Kapitel meiner Fantasygeschichte schreiben. Ich stellte mir den Wecker akribisch auf 7:00 Uhr. Alles schien perfekt. Sogar Ernest, mein stoischer Kaktus, schien die Spannung zu spüren.
Am Morgen klingelte der Wecker. Doch statt sanfter Musik oder Vogelgezwitscher dröhnte aus den Lautsprechern eine kratzige Stimme: »… und die Leiche lag mitten auf dem Bürgersteig, Blut tropfte langsam in die Pfütze …«
Ich schreckte hoch. »Was …?«
Ich starrte auf das Display. Offenbar hatte ich beim Einstellen aus Versehen ein Hörbuch aus der Krimi-Abteilung gewählt.
Kurze Zeit später griff ich zu meinem Notizbuch, statt mein Laptop zu öffnen, und begann zu schreiben. Die Worte kamen überraschend leicht, doch schon bald merkte ich, dass mein Gehirn nicht mehr in magische Königreiche, Elfen und Drachen sprang. Stattdessen tauchte ich in düstere Gassen, neblige Straßen und geheimnisvolle Mordfälle ein.
»Ernest«, sagte ich, während ich die erste Szene notierte, »ich glaube, wir haben ein Genre-Problem.« Ernest schwieg, seine stacheligen Arme wirkten leicht vorwurfsvoll.
Ich schrieb weiter: »Kommissar Feldstein betrat die verlassene Villa, sein Herz pochte. Im Kerzenschein glitzerte etwas Rotes auf dem Teppich …« Ich hielt inne. »Moment mal! Das sollte eine epische Drachenhöhle werden!« Ich schüttelte den Kopf.
Dann klingelte mein Handy. »Morgenmuffel! Alles gut?«, erklang Max’ Stimme.
»Nicht wirklich«, seufzte ich. »Mein Genre-Wecker hat mich ins Krimi-Land geschickt.«
Max lachte laut. »Perfekt! Schreib es auf. Vielleicht ist das die kreativste Abwechslung, seit du versuchst, Drachen mit Steuerformularen zu kombinieren.«
Ich konnte nicht anders, ich musste lachen. Ich schaute auf Ernest. »Siehst du, Stachelbär? Vielleicht ist das gar nicht so schlimm.«
Am Ende schrieb ich das gesamte Kapitel – unfreiwillig krimihaft, spannend, düster. Meine Fantasywelt wartete noch ein wenig, aber ich hatte gelernt: Manchmal bringt ein falscher Wecker mehr Kreativität, als man je erwartet hätte.
Als ich das Kapitel beendete, stand ich auf, streckte mich und grinste. »Morgen probiere ich es wieder. Diesmal vielleicht mit Thriller-Elementen für die Elfenstadt.«
© Kreative-Schreibwelt 2026-01-07