Ich saß an meinem Schreibtisch, der aussah, als hätte jemand mit einem Laubbläser über lose Notizzettel, Kaffeeflecken und zerknüllte Plotideen gewirbelt. Eigentlich wollte ich nur eine Szene überarbeiten. Nur eine. Eine kleine. Eine unschuldige. Doch meine Nebenfigur – ein angeblich schüchterner Bibliotheksassistent namens Fynn – tat plötzlich so, als hätte er einen Sechsjahresvertrag für die Hauptrolle unterschrieben und müsse jetzt dringend liefern.
Ich starrte auf den Bildschirm. Fynn stahl schon wieder eine ganze Seite. Ohne mich zu fragen. Ohne dramaturgische Absprache. Einfach so.
»Ernest, hast du das gesehen?«, fragte ich. Der Kaktus schwieg wie immer, aber ich war mir sicher, sein stacheliger Körper vibrierte vor Spott. »Natürlich hast du das gesehen. Jeder hat das gesehen.« Ich scrollte zurück. Ursprünglich sollte meine Protagonistin, Mira, eine gefährliche Begegnung im Archiv haben. Eine elegante Thriller-Szene, düster, angespannt, ganz großes Kino. Stattdessen … kommentierte Fynn plötzlich die komplette Lage, löste das Rätsel, und machte Mira gleichzeitig überflüssig, indem er den Antagonisten auf Seite 3 enttarnte. Seite 3! In einem geplanten Acht-Kapitel-Bogen! Ich hörte praktisch, wie meine sorgfältig vorbereitete Dramaturgie in einer Rauchwolke aus »warum machst du das?!« verschwand. Ich versuchte, mich zu sammeln. Schreibdisziplin. Kontrolle übernehmen. Klar kommunizieren. Ich löschte zwei Absätze. Fynn schrieb sich zurück. Ich löschte eine ganze Seite. Fynn kehrte wieder, diesmal mit Dialogzeilen, die besser klangen als alles, was ich Mira jemals in den Mund gelegt hatte. Ich fing an, ihn zu hassen. Aufrichtig.
In meiner Verzweiflung rief ich Max an. »Sag mal«, begann ich ohne jede Begrüßung, »kann eine Figur … äh … rebellieren?«
»Naja«, meinte er, »wenn er interessanter ist als dein Hauptcharakter … vielleicht solltest du dich fragen, ob du am falschen Ende schraubst.« Unverschämt, aber nicht falsch.
Ich legte auf, starrte wieder auf den Bildschirm und versuchte, Mira aufzuwerten. Tiefer. Konfliktbeladener. Wütender. Aber je mehr ich nachdachte, desto klarer wurde mir, dass ich eigentlich derjenige war, der in dieser Geschichte keinen Plan hatte. Fynn dagegen … Fynn wusste genau, was er wollte. Ich lehnte mich zurück und rieb mir die Augen. Vielleicht war es gar nicht so schlecht. Vielleicht schrieb sich der Plot ja nicht gegen mich, sondern für mich. Eine Art literarisches Navigationssystem, das sagte: »Bitte wenden. Mira ist langweilig.«
»Ernest«, flüsterte ich, »glaubst du, ich sollte Fynn zur Hauptfigur machen?« Der Kaktus schwieg. Aber diesmal wirkte er zustimmend. Oder vielleicht bildete ich mir das ein. Stille ist interpretierbar. Also atmete ich tief durch, öffnete ein neues Dokument und schrieb oben drüber: »Kapitel 1: Fynn hatte nie vor, im Rampenlicht zu stehen – aber das Rampenlicht hatte andere Pläne.«
Und ich musste zugeben: Das fühlte sich richtig an. Vielleicht schrieb sich der Plot nicht selbst. Vielleicht schrieb er nur ehrlicher als ich.
© Kreative-Schreibwelt 2026-03-18