Tage des Schriftstellers: Der Schreibsound

Kreative-Schreibwelt

von Kreative-Schreibwelt

Story

Ich hatte beschlossen, meine Schreibroutine endlich auf ein neues Niveau zu bringen. Inspiration, Intensität, Atmosphäre – alles musste stimmen. Keine halben Sachen mehr, das hier sollte die Liebesszene aller Liebesszenen werden. Also stöberte ich stundenlang in einer Sound-App, die angeblich »perfekte Schreibgeräusche« abspielte: Regen, Waldgeräusche, Lagerfeuerknistern, sogar das beruhigende Summen einer Bibliothek. Ich probierte alles einmal durch, bis mir fast die Ohren klingelten. Schließlich entschied ich mich: Regen plus Knistern. Das klang nach purem Gefühl.

»Ernest, mein Freund, heute wird sie magisch, diese Szene.«

Los ging’s. »Sie berührte seine Hand …«, schrieb ich. Das Regengeprassel im Hintergrund passte perfekt. Romantik pur. »Sein Herz schlug schneller, doch in ihren Augen lag Ruhe …« Alles wunderbar. Ich war zufrieden, nippte an meinem Kaffee, fühlte mich wie ein professioneller Drehbuchautor, der gerade Hollywood beliefert. Ich lächelte.

Dann passierte es. Ich weiß nicht, wie, aber irgendwie hatte ich statt »Lagerfeuer-Knistern« auf »Heavy Metal – 110 dB« geklickt. Ein paar Sekunden lang hörte ich noch das beruhigende Knacken des Feuers – und dann: Gitarrenriffs, Drums, Schreie. Direkt ins Ohr. Ich riss die Kopfhörer ab, fast wäre der Kaffee über die Tastatur geflogen.

»Was zur …?« Ich starrte auf den Bildschirm. Und dort stand es schwarz auf weiß: »Sie berührte seine Hand … und riss ihm sofort die Pistole aus der Tasche.«

Ich las weiter. »Die Luft knisterte … Explosionen überall … Funken stoben …« Mein romantischer Dialog war innerhalb weniger Zeilen zu einer Actionsequenz mutiert, in der die beiden Liebenden plötzlich durch brennende Gebäude sprangen, während eine Armee von Verfolgern hinter ihnen her war. Ich blinzelte. Ernest schwieg zwar, aber diesmal sah es so aus, als zuckten seine Stacheln im Takt der Gitarrenriffs.

Einerseits wollte ich verzweifeln, andererseits musste ich lachen. Lachen und seufzen gleichzeitig, eine seltsame Mischung, die mich noch mehr aus dem Konzept brachte. Aber immerhin: Mein Herz raste – wenn auch nicht aus den Gründen, die ich geplant hatte.

Neuer Versuch. Ich atmete tief durch, setzte die Kopfhörer wieder auf – diesmal mit der Einstellung »Stille« – und begann erneut. »Okay, kein Soundtrack. Keine Experimente. Nur ich, Ernest und die Tastatur.«

Und siehe da: Am Ende schrieb ich meine Liebesszene ganz ohne Explosionen, ohne Gitarrenriffs, ohne Heavy Metal. Dafür aber mit Herz. Und ich lernte: Manchmal ist die beste Musik beim Schreiben schlicht die Stille. Oder das gelegentliche, verständnisvolle Schweigen eines Kaktus.

© Kreative-Schreibwelt 2026-01-14

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich, Herausfordernd, Komisch, Hoffnungsvoll, Inspirierend
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