Tage des Schriftstellers: Der Speicherort

Kreative-Schreibwelt

von Kreative-Schreibwelt

Story

Es war einer dieser seltenen Tage, an denen ich mich fast wie ein echter Profi fühlte. Ich hatte tatsächlich Routine: morgens Kaffee, mittags schreiben, abends stolz zurücklehnen. Kapitel um Kapitel floss aus meinen Fingern, und ich fühlte mich beinahe wie ein literarischer Wasserfall. Vier Kapitel in einer Woche! Für meine Verhältnisse war das ungefähr so, als wäre ich einen Marathon rückwärts im Handstand gelaufen. Entsprechend feierte ich mich, als ich den Laptop zuklappte und Ernest anstrahlte. »Na, alter Freund, diesmal hast du einen Bestseller miterlebt!« Ernest schwieg, aber sein Stachelnickern wirkte, als wolle er sagen: Abwarten, Junge.

Ein paar Tage später wollte ich die Kapitel noch mal durchlesen. Ich öffnete mein Dokument. Erwartungsfreudig scrollte ich nach unten. Kapitel neun … zehn … und dann – Leere. Weiß. Nichts. »Moment.« Ich klickte hektisch. »Wo sind Kapitel elf bis vierzehn?« Ich suchte. Durchforstete Unterordner. Schaute in der Cloud. Nichts. Mein Puls raste. Dann entdeckte ich eine Datei mit dem unscheinbaren Namen Steuer2024_finalwirklichfinal.xlsx. Ich öffnete sie – und traute meinen Augen nicht. Zwischen Tabellen über Ausgaben für Druckerpapier und Fahrkostenabzug thronte: Kapitel elf. Direkt neben Zelle F12, die »Tankquittungen« lautete.

Ich schlug mir die Hand vor die Stirn. »Ich habe meinen Roman … in meine Steuererklärung geschrieben.«

Natürlich rief ich Max an. »Du wirst es nicht glauben«, begann ich atemlos.

»Lass mich raten: Dein Laptop ist explodiert?«

»Schlimmer. Kapitel elf bis vierzehn – alle in meiner Steuererklärung.«

Am anderen Ende Stille. Dann ein lautes Prusten. »Das Finanzamt wird begeistert sein. Endlich mal Abwechslung zwischen Umsatzsteuer und Kilometergeld!«

Ich stöhnte. »Die denken doch, ich hab sie nicht mehr alle.«

»Oder«, überlegte Max, »sie erkennen dein Talent. Vielleicht liest ein Finanzbeamter dein Kapitel und empfiehlt dich fürs Literaturstipendium.«

Ich rieb mir die Schläfen. »Oder sie schicken mir einen Steuerbescheid mit Anmerkungen zum Spannungsbogen.«

Es dauerte Stunden, bis ich die Kapitel aus der Excel-Datei in ein neues Dokument kopiert hatte. Zwischendurch musste ich immer wieder innehalten, weil Max mir per Chat absurde Vorschläge schickte: »Buchhaltung der Gefühle«, »Die Steuer der Herzen«, »Freibetrag fürs Drama«. Als ich endlich fertig war, schwor ich mir, künftig besser aufzupassen. Ein sauberer Ordner, klare Dateinamen – das musste doch machbar sein.

Ich blickte zu Ernest. »Morgen fang ich ein Ordnungssystem an.« Er stand stumm da. Und ich wusste genau: Er glaubte mir kein Wort.

© Kreative-Schreibwelt 2025-11-05

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich, Herausfordernd, Komisch, Hoffnungsvoll, Inspirierend
Hashtags