Es war einer dieser Tage, an denen ich mir selbst auf die Schulter klopfte. Ich hatte getippt wie ein Weltmeister. Wörter, Sätze, Szenen – ganze Passagen flossen, davon war ich überzeugt. Meine Finger fühlten sich wund an, mein Rücken protestierte, und ich war sicher: Mindestens 2.000 Wörter mussten es sein. Ein Roman in Reinform, quasi.
Mit einem dramatischen Grinsen klickte ich auf den kleinen Button unten rechts: Wortanzahl anzeigen.
312
Ich starrte auf die Zahl, als hätte sie mich beleidigt. »Das ist doch nicht dein Ernst«, murmelte ich. Mein Dokument war doch gefüllt mit … ja, voll mit Text eben!
Ich scrollte zurück. Da war sie: die Einkaufsliste meiner Hauptfigur. Ein ganzer Absatz über Äpfel, Brot und – warum auch immer – ein detaillierter Exkurs über die Vorzüge von zwei Sorten Oliven. Achtzig Wörter. Achtzig! Mein angeblicher Schreibrausch bestand also hauptsächlich darin, eine fiktive Mahlzeit zu planen.
»Ernest, der Wortzähler ist kaputt«, erklärte ich meinem Kaktus. Er schwieg natürlich. »Das hier sind mindestens tausend Wörter im Geiste. Die zählen doch auch!«
Ernest sah nicht überzeugt aus, soweit ich seine stachelige Mimik deuten konnte. Ich rieb mir die Schläfen. Existenzkrise drohte. Was machte man mit 312 Wörtern, von denen mehr als ein Viertel aus Basilikum und Baguette bestand?
Ich rief Max an. »Katastrophe«, eröffnete ich.
»Schon wieder?«, kam es trocken aus dem Hörer.
»Ich hab heute einen Roman geschrieben.«
»Aha. Und was sagt der Wortzähler?«
»312.«
Am anderen Ende brach er in schallendes Gelächter aus. »312? Das ist ja nicht mal eine Kurzgeschichte. Das ist ein … Absatz mit Überstunden!«
»Sehr witzig«, knurrte ich. »Ich glaube, mein Roman zerbricht gerade unter dem Gewicht seines eigenen Basilikums.«
»Dann mach halt einen kulinarischen Krimi draus«, schlug er vor. »›Mord im Feinkostregal‹ oder so.«
Ich legte auf, bevor er noch Rezepte diktierte. Seufzend sah ich wieder auf das Dokument. Das war er, mein »großer Schreibtag«: 312 Wörter, inklusive Oliven-Exkurs.
Aber dann dachte ich: Und wenn schon. Am Ende war es immerhin besser, 312 Wörter zu haben, als gar keine.
»Na gut«, murmelte ich zu Ernest. »Dann eben morgen tausend. Ohne Oliven.« Er wirkte skeptisch. Und ich auch.
© Kreative-Schreibwelt 2025-10-08