Es begann – wie so oft – mit einer fixen Idee nach Mitternacht. Ich hatte irgendwo gelesen, dass romantische Fantasy der neue heiße Trend sei. Also sagte ich zu Ernest, meinem Kaktus: »Das kann ich auch. Ein bisschen Liebe, ein bisschen Magie, zack, Bestseller.« Ernest starrte mich schweigend an. Wahrscheinlich war er innerlich schon ausgestiegen.
Ich öffnete ein leeres Dokument, nannte es Herzen aus Drachenstaub und begann. Kapitel 1: Die mutige Halbelfin Liora rennt barfuß durch den verzauberten Nebelwald. Stark, dachte ich, sehr atmosphärisch. Dann trifft sie natürlich den geheimnisvollen, düsteren Drachenmenschen Ravion, der leider auch Gefühle hat.
Drei Seiten später hatte Ravion Liora fünfmal »Herzflamme« genannt, sie hatte ihn zweimal angehaucht und ich mich selbst komplett verloren. Ich war kein Romantiker. Ich war der Typ, der Dialoge mit Ernest führte und sich über kaputte USB-Kabel aufregte. Warum zum Geier schrieb ich über Liebesaugen im Dämmerlicht?
Max kam am nächsten Tag vorbei. Ich drückte ihm das Manuskript in die Hand, stolz wie ein Kind mit erster Knete. Er las zwei Absätze, dann verzog er das Gesicht, als hätte er auf ein zu süßes Gummibärchen gebissen.
»Alter«, fing er an, »das bist doch nicht du. Das klingt wie ein Gedicht, das ein Einhorn mit Liebeskummer geschrieben hat.«
»Ist das … schlecht?«
»Nein. Also … doch. Aber irgendwie auch wieder gut. Auf eine peinlich-faszinierende Art.«
Ich sank aufs Sofa. »Ich wollte mal was Neues probieren. Marktanalyse und so.«
Max nahm einen Schluck von meinem Kaffee (unverschämt!) und zuckte die Schultern. »Du kannst ja alles schreiben, aber wenn man dich kennt, dann weiß man: Dein Stil ist eher Chaos mit Herz. Du bist der, der Helden in Gummistiefeln rettet. Kein Schwert, kein Sternenglitzer.«
Ich schwieg. Ernest schwieg. Max schlürfte.
Dann öffnete ich das Dokument wieder. Ich las mir die Szene durch, in der Ravion Liora seine »Feuerseele« offenbarte – und lachte. Laut. Es klang wie eine Parodie. Vielleicht war es auch eine. Und dann kam mir die rettende Idee: Ich ließ Liora mitten im nächsten Kapitel aufwachen – als Fantasy-Autorin mit Schreibblockade, umgeben von Einhornposter, Drachentee und viel zu viel Lavendelduft.
»Wenn schon, dann richtig«, sagte ich zu Ernest, während ich die neue Version tippte. Die Geschichte entwickelte sich zur absurd-liebenswerten Satire über Genre-Zwänge und Selbstfindung. Genau mein Ding.
Am Ende des Tages hatte ich nicht das nächste große Fantasy-Romanze-Epos geschrieben, aber ich hatte meinen Spaß – und einen Text, bei dem ich nicht vergaß, wer ich war. Und das ist manchmal das Beste, was einem beim Schreiben passieren kann.
© Kreative-Schreibwelt 2025-07-09