Tage des Schriftstellers: Die Schreib-App

Kreative-Schreibwelt

von Kreative-Schreibwelt

Story

Ich hatte schon wieder eine dieser genial-dämlichen Ideen. Statt einfach zu schreiben, wie normale Menschen das tun, installierte ich eine hochgelobte Schreib-App. »Intelligentes Feedback in Echtzeit«, versprach die Webseite. Genau das, was ich brauchte – oder?

Also öffnete ich das Programm, tippte meine ersten Sätze und wartete gespannt. Hinweis: Ihr Einstieg ist schwach. Erwägen Sie einen Hook, um die Aufmerksamkeit der Lesenden zu fesseln. Ich runzelte die Stirn. »Das war der Hook, du Blechhirn«, brummte ich.

Ich schrieb weiter: »Der Regen prasselte gegen die Scheiben …« Hinweis: Wetter-Metaphern sind abgedroschen. »Na und?«, zischte ich. »Vielleicht regnet es halt gerade, schon mal daran gedacht?« Ich fühlte mich, als würde ich mit einem besonders überheblichen Lektor diskutieren, nur dass der in meinem Laptop hockte.

Kaum hatte ich drei Absätze geschafft, blinkte die nächste Nachricht: Achtung: Ihre Hauptfigur wirkt unsympathisch. »Das soll sie auch! Antiheld, hallo? Schon mal was von Charakterentwicklung gehört?« Ich knallte die Tasse neben die Tastatur und erschreckte mich selbst ein bisschen.

Gerade als ich die App verfluchen wollte, kam Max vorbei. Er musterte mich, wie ich wild auf den Bildschirm fuchtelte. »Streitest du etwa mit deinem Laptop?«

»Der beleidigt meine Prosa«, erklärte ich ernst.

Max grinste breit. »Vielleicht hat er recht.«

Ich ignorierte ihn und tippte trotzig einen weiteren Satz: »Sie küsste ihn leidenschaftlich, als gäbe es kein Morgen.« Hinweis: Klischeealarm. Erwägen Sie eine originellere Metapher.

Ich starrte den Bildschirm an, dann Max, dann wieder den Bildschirm. »Weißt du was?«, fragte ich. »Diese App hat einen sadistischen Humor.«

Max nahm einen Schluck von meinem Kaffee. »Vielleicht ist sie nur ehrlich. Du bist einfach empfindlich.«

Ich warf einen Blick zu Ernest. Der stand stoisch in seinem Topf, als hätte er schon schlimmere Dramen gesehen. Vielleicht sollte ich ihn wieder als Co-Autor eintragen – er kommentierte wenigstens nicht jeden zweiten Satz.

Nach einer Stunde voller blinkender Kritiken und gekränkter Eitelkeit deinstallierte ich die App. Ich fühlte mich, als hätte mich mein eigener Laptop gemobbt.

»Und, was hast du gelernt?«, fragte Max grinsend.

»Dass ich lieber mit einem Kaktus rede als mit einer Software«, murmelte ich und öffnete mein altes, schlichtes Schreibprogramm.

Und Ernest wirkte ein kleines bisschen … zufrieden.

© Kreative-Schreibwelt 2025-11-26

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich, Herausfordernd, Komisch, Hoffnungsvoll, Inspirierend
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