Tage des Schriftstellers: Ernest rebelliert

Kreative-Schreibwelt

von Kreative-Schreibwelt

Story

Ich hatte beschlossen, meinem Kaktus Ernest einen besseren Platz zu gönnen. Schließlich schrieb ich an einer Szene, in der ein stacheliger Wächter den Weg zur Schatzkammer bewachte – da passte Ernest perfekt ins Setting. Also nahm ich ihn vom schmalen Fensterbrett und setzte ihn mitten auf den Schreibtisch.

Kaum hatte ich das Manuskript geöffnet, hörte ich ein leises Rumpel. Ich drehte mich um: Ernest lag neben seinem Topf auf dem Boden, Erde verstreut wie Vulkanasche. Sein Plastikübertopf hatte einen Sprung, und er starrte mich mit stiller Vorwurfsgeste an – als hätte er Warnglocken klingeln hören.

NEIN! Schnell bückte ich mich, sammelte die braune Brühe auf und murmelte: „Sorry, Kumpel. Ich dachte, der Platz wär ideal.“ Ernest antwortete wie immer nicht, aber sein Stachelmeer wirkte alarmiert.

Ich holte einen neuen Topf, drückte ihn behutsam in die frische Erde und wischte mir die Hände an der Jeans ab. Mein Herz klopfte. Das war knapp.

Doch dann: Meine Szene! Ich hatte einen Teil des Manuskripts noch nicht gesichert – und in dem Moment, in dem ich sie wiederfinden wollte, stürzte der Laptop mit einem leisen Pling in den Ruhezustand. Perfektes Timing.

Frustriert lehnte ich mich zurück, starrte auf Ernest, als mich ein Geistesblitz traf. Warum kämpfte Ernest also nicht selbst in meiner Geschichte um sein Überleben? Plötzlich sah ich ihn nicht mehr als Deko, sondern als Figur mit eigenem Willen.

Ich schaltete den Rechner wieder an, sicherte eilig die Datei und begann zu tippen: In meiner neuen Version war Ernest nicht länger nur ein stummer Wächter, sondern eine lebendige Pflanze mit wuchtigen Wurzeln. Einmal umgekippt, erregte er Aufruhr im Palastgarten, weil sich jeder Fürst eine mächtige, sprechende Pflanze untertan machen wollte.

Während ich schrieb, nahm ich mir immer wieder Ernstes stacheliges Haupt als Vorlage: Seine widerborstige Haltung, die winzigen Dornen, seine unerschütterliche Ruhe nach dem Sturz. Ich ließ ihn rebellieren, versetzen, erstürmen – und am Ende triumphieren.

Ich nickte und lehnte mich zurĂĽck. Um mich herum lag noch etwas Erde, aber ich fĂĽhlte mich leichter. Aus einem kleinen Malheur war eine neue Idee erwacht: ein rebellischer Kaktus, der nicht akzeptierte, bloĂźes Beiwerk zu sein.

Ernest, mein stacheliger Co-Autor, stand wieder erhoben im Topf – und ich war gespannt, welche Revolte er als Nächstes anzettelte.

© Kreative-Schreibwelt 2025-08-20

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich, Herausfordernd, Komisch, Hoffnungsvoll, Inspirierend
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