Heiligabend, früher Nachmittag. Der Duft von Zimt, Mandarinen und einem leicht angebrannten Plätzchenexperiment hing in der Luft. In meiner Wohnung thronte ein Tannenbaum, der so groß war, dass er die Zimmerdecke bedrohlich mit seinen Nadeln streifte. Ich war stolz, ihn überhaupt durch die Tür bekommen zu haben. Ein Sieg, den man nicht kleinreden durfte.
»Hast du überhaupt Lametta?«, fragte Max skeptisch, während er auf dem Sofa saß und an seiner heißen Schokolade nippte.
Ich nickte automatisch. »Klar doch.«
Die Wahrheit: Ich hatte keins. Nicht mal ein bisschen. Stattdessen fand ich nach hektischer Suche in einer Schublade einen dicken Stapel zerknitterter Manuskriptseiten. Ungelesene Fassungen, verworfene Ideen, Sätze, die mich seit Wochen verfolgten. Ich hielt das Papier hoch wie ein Schatz. Glänzt nicht, flattert aber schön, dachte ich. Das reichte für Weihnachten.
Also begann ich, die Blätter zwischen die Zweige zu hängen, so selbstverständlich, als wäre das von Anfang an mein Plan gewesen.
Sarah, die gerade ihre perfekt gebackenen Zimtsterne auf den Tisch stellte, blieb plötzlich stehen. Ihr Blick fiel auf den Baum, dann auf mich, dann wieder auf den Baum. Mit zwei Fingern zog sie vorsichtig ein Blatt heraus und las laut: »›Held stolpert über tragische Wendung – Autor verzweifelt‹?«
Sie hob eine Augenbraue. »Sag bitte, dass du gerade nicht dein Werk als Christbaumschmuck missbrauchst.«
»Das sind nur Entwürfe«, verteidigte ich mich. »Man könnte es auch recyclingbasierte Dekoration nennen. Nachhaltig, innovativ, modern!«
Max verschüttete fast seine Schokolade. »Genial! Der Baum ist quasi ein literarisches Mahnmal. Und dieser Zweig hier …«, er deutete mit theatralischer Geste auf einen, »… trägt eindeutig die Last des vierten Kapitels.«
Sarah seufzte, versuchte ernst zu bleiben, grinste dann aber doch. »Du bist der erste Mensch, der Weihnachten wortwörtlich in seine Geschichte einbindet.«
Später, als die Kerzen am Baum flackerten, entdeckte ich plötzlich eine Seite, die bedrohlich nah an einer Kerze hing. Ich stürzte los, riss sie im letzten Moment heraus und las: »Große Wendung! Unbedingt merken.«
Mein Herz machte einen Satz. Das war die Notiz, die ich seit Wochen verzweifelt gesucht hatte!
»Seht ihr?!«, rief ich triumphierend. »Der Weihnachtsgeist hat mir meine Idee zurückgebracht.«
Sarah schüttelte nur den Kopf. Max prostete mir mit Schokolade zu. Und ich schwor mir insgeheim, nächstes Jahr rechtzeitig Lametta zu kaufen.
Ich wünsche euch allen »FROHE WEIHNACHTEN«!
© Kreative-Schreibwelt 2025-12-24