Ich hatte mir fest vorgenommen, diesmal etwas zu ändern. Vielleicht, dachte ich, lag all meine Schreibblockade am Kaffee. Zu viel Koffein, zu viel Herzrasen, zu viele Nächte, in denen ich auf den Bildschirm starrte wie ein Zombie auf Speed. Also beschloss ich, ein Experiment zu wagen: Tee.
Ich stellte den Wasserkocher an, suchte mir die edelste Packung aus, die ich im Schrank finden konnte – grüner Tee mit geheimnisvollen Aromen, die nach »Klarheit« und »Zen« klangen. Schon beim Aufgießen fühlte ich mich wie ein erleuchteter Mönch.
»Siehst du, Ernest«, sagte ich zu meinem Kaktus, »das hier ist der Beginn einer neuen Ära. Bald werde ich Bestseller-Autor und gesundheitsbewusster Tee-Trinker.« Ich schwor, er sah skeptisch aus.
Der erste Schluck schmeckte … nun ja, wie heißes Wasser, das kurz an einem Grasbüschel vorbeigelaufen war. Aber ich redete mir ein: Das sei Teil des Prozesses. Der Geist reinige sich. Der Körper finde Ruhe. Bald würde die Inspiration wie eine Flutwelle über mich hereinbrechen.
Doch statt zu schreiben, saß ich da und starrte fasziniert in den aufsteigenden Dampf. »Was, wenn Wasserdampf eigentlich die Gedanken der Teeblätter sind?«, überlegte ich laut. »Vielleicht haben sie Geschichten zu erzählen, aber wir hören nie richtig hin …«
Eine halbe Stunde später hatte ich keinen einzigen Satz geschrieben, aber drei Zettel vollgekritzelt mit tiefgründigen Fragen wie: Kann ein Kaktus Tee trinken? und Sind Wolken nur Tee im Himmel?
Gerade als ich mich fragte, ob ich langsam wahnsinnig wurde, klingelte mein Handy. Max.
»Und? Wie läuft’s?«
»Ich bin … produktiv«, log ich und starrte auf meinen philosophischen Unsinn.
»Produktiv heißt bei dir Kaffee, nicht Tee«, lachte er. »Ich hör’s an deiner Stimme. Du klingst wie ein Yoga-Podcast.«
»Es ist ein Experiment«, verteidigte ich mich. »Ich wollte meine Schreibenergie neu justieren.«
»Schreibenergie, klar. Du brauchst Koffein. Ich komm rüber.«
Zehn Minuten später stand Max in meiner Küche, eine Thermoskanne Kaffee in der Hand. Er schnupperte an meiner Teetasse und verzog das Gesicht. »Das riecht, als hätte jemand den Rasenmäher im Wasserkocher ausgeleert.«
Ich protestierte schwach, nahm dann aber dankbar den Kaffee entgegen. Der erste Schluck weckte mich mehr als eine Stunde grüner Tee. Mein Kopf klärte sich, die Tastatur rief.
Am Ende schrieb ich immerhin zwei Seiten. Nicht viel, aber besser als Wolken-Tee-Philosophie. Und ich schwor mir: Experimente schön und gut – aber manche Dinge sollte man einfach nicht infrage stellen.
© Kreative-Schreibwelt 2025-11-19