Ich war kein Morgenmensch. Ich war nicht mal ein Mittagsmensch. Ich war ein »Wenn-ich-Kaffee-hatte-bin-ich-vielleicht-erträglich«-Mensch.
Meine Schreibroutine begann daher immer gleich: Augen auf, ins Bad torkeln, mit einem halben Bein wieder zurück ins Bett fallen, dann Kaffee machen. Erst nach dem ersten Schluck geht das Gehirn so langsam auf Stand-by. Zwei Tassen später ist dann sowas wie Kreativität möglich.
Heute Morgen roch der Kaffee besonders gut. Ich war motiviert. Der Laptop wurde aufgeklappt, Ernest, mein Kaktus, bekam einen kleinen Sonnenplatz, und ich tippte los. Also … ich tippte ein paar Worte. Dann starrte ich den Bildschirm an. Dann vergaß ich, warum meine Figur überhaupt auf einem Boot war. War sie überhaupt auf einem Boot?
Ich nahm noch einen Schluck Kaffee. Nichts passierte.
»Vielleicht bin ich einfach müde«, murmelte ich. »Oder … dehydriert. Oder geistig aus Versehen abgemeldet.«
Ich stand auf, machte eine zweite Tasse. Dann eine dritte. Langsam bekam ich Kopfschmerzen – aber nicht die guten Koffein-Kopfschmerzen. Es waren eher die »Ich glaube, ich bin im Kaffee-Entzug«-Kopfschmerzen.
Ein Verdacht keimte auf.
Ich schnappte mir die Kaffeepackung, die ich gestern im Angebot gekauft hatte. Entkoffeiniert, stand da in hellblauer Schrift. Hellblau! Wer denkt sich denn, dass das nach Gefahr aussieht?
»Ernest«, sagte ich mit panischer Stimme, »wir haben ein Problem. Ich bin seit Stunden koffeinfrei.«
Er schwieg. Wahrscheinlich aus Schock.
Ich griff zu radikalen Maßnahmen: alte Packung raus, Wasserkocher an, neue, echte Bohnen gemahlen. Noch bevor die erste Tasse fertig war, fühlte ich mich wie jemand auf der Flucht vor dem Kaffeegesundheitsamt.
Fünf Minuten später: Der erste Schluck. Warm, stark, dunkel. Ich spürte, wie meine Synapsen langsam wieder anfingen, miteinander zu reden.
Ich setzte mich. Und plötzlich wusste ich wieder, warum meine Figur auf dem Boot war. Weil ich gestern eine Piraten-Eingebung hatte. Natürlich!
Ich schrieb. Schnell. Mit Leidenschaft. Mit Koffein im Blut.
Manche Menschen brauchten Sport, Meditation oder Mantras. Ich brauche Koffein und eine funktionierende Kaffeemaschine. Und einen Kaktus, der mich nicht verurteilte.
© Kreative-Schreibwelt 2025-07-30