Tage des Schriftstellers: Lesung mit Folgen

Kreative-Schreibwelt

von Kreative-Schreibwelt

Story

Es war so weit: meine erste öffentliche Lesung. Ein kleines Café, zehn Stühle, eine wackelige Stehlampe – und ich. Mein Herz hämmerte, als wäre ich für ein Stadionkonzert gebucht. Max hatte mich mit den Worten »Das wird super!« hergeschickt und sich selbst natürlich entschuldigt. »Bin leider verhindert.« Klar. Ich saß vorne an einem viel zu kleinen Tisch, das Manuskript zitterte in meinen Händen. Neben mir: Ernest, mein Kaktus. Ich hatte ihn aus einem spontanen Aberglauben heraus mitgenommen, weil ich dachte, er würde mir Glück bringen. Das Publikum, etwa sieben Leute, starrte mich neugierig an.

»Also … guten Abend«, stammelte ich, und meine Stimme klang, als hätte ich seit Tagen nicht gesprochen. Ich begann zu lesen. Zunächst lief es besser, als ich dachte. Ich fand sogar eine halbwegs stabile Tonlage. Doch dann lachte jemand. Und zwar an einer Stelle, die überhaupt nicht witzig gemeint war. Ich stockte, blickte auf – und sah eine Frau in der zweiten Reihe, die sich kichernd den Mund zuhielt.

»War das gerade … humorvoll?«, fragte ich zögerlich.

»Ja!«, rief sie. »So skurril!«

Ich hatte von allem geträumt: Applaus, Betroffenheit, Schweigen. Aber nicht, dass mein Versuch einer dramatischen Szene zum Comedy-Highlight mutierte. Der Rest des Publikums grinste zustimmend. Ich schluckte, improvisierte und las weiter, wobei ich innerlich beschloss, die Stelle künftig als Satire zu verkaufen.

Nach einer halben Stunde war ich erlöst. Applaus. Echter Applaus. Ich verbeugte mich – halb erleichtert, halb beschämt. Während ich meine Zettel zusammenklaubte, kam dieselbe Frau von vorhin zu mir.

»Entschuldige«, sagte sie, »aber ich musste lachen. Es war herrlich. Und übrigens …« – sie beugte sich über den Tisch – »ist das dein Kaktus?«

»Äh … ja. Das ist Ernest.«

Sie strahlte. »Der ist ja großartig! Bringt der dich auf Ideen?«

Ich nickte unsicher. »Mehr, als mir lieb ist.«

Sie lachte wieder, diesmal eindeutig an der richtigen Stelle. Dann kritzelte sie etwas auf meinen Flyer und drückte ihn mir in die Hand. »Falls du mal wieder liest – ich wäre gern dabei. Und Ernest auch.«

Später saß ich zu Hause, Ernest auf der Fensterbank, den Zettel in der Hand. Eine Telefonnummer. Max rief an, wollte wissen, wie es gelaufen war.

»Tja«, sagte ich. »Mein Drama ist jetzt eine Komödie, Ernest hat einen Fanclub, und ich hab vielleicht ein Date.«

Am anderen Ende war eine Pause, dann Max’ trockenes Lachen. »Siehst du? Hab ich dir doch gesagt: Das wird super.« Und zum ersten Mal stimmte ich ihm vorbehaltlos zu.

© Kreative-Schreibwelt 2025-10-01

Genres
Romane & Erzählungen
Stimmung
Abenteuerlich, Herausfordernd, Komisch, Hoffnungsvoll, Inspirierend
Hashtags