Ich wühlte in meinem Schreibtisch, als hinge mein literarisches Leben davon ab. Und in gewisser Weise tat es das auch – irgendwo musste dieser Zettel sein, auf dem ich vor Wochen den genialen Twist notiert hatte. Die eine Idee, die mein mittelmäßiges Manuskript in ein Meisterwerk verwandeln würde.
»Ernest«, keuchte ich, während ich die dritte Schublade leerte, »du weißt doch bestimmt noch, wo ich das hingekritzelt habe, oder?« Sein stacheliges Schweigen klang heute besonders spöttisch.
Ich zog alte Post-its hervor: »Milch kaufen«, »Max anrufen«, »Plotloch stopfen (wie?)«. Nichts davon konnte mir jetzt weiterhelfen. Dann ein Stapel loser Seiten – kryptische Dialogfetzen, halbe Szenen, dazu ein Einkaufszettel, auf dem ich die Wörter »dramatischer Tod« zwischen Butter und Nudeln gekritzelt hatte.
Die Wohnung verwandelte sich in ein Papiermeer. Ich kramte in Rucksäcken, alten Jackentaschen, sogar zwischen Sofakissen. Kein Twist. Stattdessen ein Ticket von der Bahn, das mich schmerzhaft an die Verspätung von damals erinnerte, und ein halbfertiges Gedicht über Kaffee, das definitiv keinen Preis gewinnen würde.
In meiner Verzweiflung rief ich Max an. »Erinnerst du dich zufällig an meinen genialen Twist?«, fragte ich, ohne Hallo.
»Welchen von den fünfzig?«, kam es trocken zurück. »Den mit dem Kaktus, der ein Spion ist? Oder den mit dem sprechenden Kühlschrank?«
»Nein, den wirklich genialen!«
»Ach den!«, meinte er. »Dann viel Erfolg beim Suchen. Und denk dran: Du bist ein Meister im Chaos, kein Archivar.«
Ich knallte das Handy auf den Tisch und starrte Ernest an. »Er hat ja recht. Aber irgendwo muss er doch sein.«
Dann sah ich es: ein zerknitterter Zettel, eingeklemmt zwischen zwei leeren Pizzakartons. Mein Herz machte einen Satz. Da war er! Ich zog ihn triumphierend hervor – und erstarrte. Fettflecken hatten die Hälfte des Textes verschluckt. Lesbar war nur: »Held + ??? = unerwartet ___.«
Ich brach in hysterisches Lachen aus. Stundenlange Suche, und alles, was blieb, war eine Öllandschaft aus Salami und Käse.
»Ernest«, seufzte ich, »ich glaube, das Universum will mir sagen, dass der Twist weg ist.«
Doch dann dachte ich: Vielleicht war es gar nicht so schlimm. Vielleicht brauchte ich keinen Zettel aus der Vergangenheit, sondern nur die Freiheit, neu zu spinnen.
Ich warf den fettigen Schnipsel in den Papierkorb, setzte mich an den Laptop und begann zu tippen. Ohne Twist aus der Schublade, aber mit frischer Energie.
Und Ernest? Der stand da, als hätte er das Ganze längst geahnt.
© Kreative-Schreibwelt 2025-10-15