Ich hatte mir fest vorgenommen, wieder mehr »unter Menschen« zu schreiben. Angeblich sollte das inspirieren, meine Kreativität wecken, mir neue Eindrücke verschaffen. »Setz dich mal in ein Café!«, hatte Sarah gesagt. »Da passiert was! Da pulsiert das Leben!« Nun, an diesem Nachmittag pulsierte vor allem der Straßenlärm. Und das Leben schrie. Laut.
Ich setzte mich also an einen kleinen Holztisch im »Café Kleine Bohne«, mit Laptop, Notizbuch und einem Kaktus-Schlüsselanhänger, der mich an Ernest erinnerte. Ein symbolischer Glücksbringer, dachte ich – und sofort fiel er vom Tisch. Ein schlechtes Omen. Gerade hatte ich den ersten Satz meines neuen Projekts getippt (»Der Himmel über …«) – da knallte hinter mir ein Stuhl um. Ein Kind rannte kreischend zwischen den Tischen hindurch, verfolgt von einem zweiten Kind, das eine Papierserviette wie eine Trophäe schwenkte. Die Mutter fluchte etwas, das wie »Bitte lass mich einfach sterben« klang.
Ich zwang mich, meinen Konzentrationsmodus zu aktivieren. Erster Schritt: Ignorieren. Ich setzte die Kopfhörer auf – ohne Musik, nur als symbolische Barriere – und startete einen neuen Satz. »Der Himmel über Vyrnwich färbte sich …« Knall. Ein Ball rollte gegen meinen Schuh. Ein kleiner Junge tauchte neben meinem Tisch auf, griff nach dem Ball und starrte mich dabei so direkt an, als wollte er meine Seele bewerten. Danach rannte er wieder los. Half nicht, nächster Plan: Kreative Anpassung. Ich wechselte ins Notizbuch, um mich »analoger« zu fühlen. Vielleicht war das Café eine Prüfung, dachte ich. Vielleicht musste ich lernen, mitten im Chaos zu schreiben – wie ein Kriegsberichterstatter, nur mit Latte Macchiato. Ich probierte es mit Mikro-Sprints: Drei Sätze schreiben, bevor der nächste Schrei ertönte. Ich schaffte eineinhalb.
Gut, dachte ich. Letzter Versuch: Integration des Lärms. Wenn ich den Lärm nicht ausblenden kann, schreibe ich ihn eben rein. Ich öffnete das Dokument erneut und begann, die Szene umzubauen. »Ein dumpfer Knall hallte durch die Werkstatt …« Noch ein Knall, diesmal von draußen: ein Lieferwagen, der über einen Bordstein ratterte. Passte perfekt. »… als hätte jemand einen Stuhl umgeworfen.« Hinter mir wurde tatsächlich gerade ein Stuhl umgeworfen. Die Realität arbeitete mit mir.
Ich kam in Fahrt. Ich verwandelte das Geschrei der Kinder in überforderte Akademie-Lehrlinge, den Straßenlärm in alchemistische Explosionen, das Klirren von Geschirr in chaotische Mechanik-Experimente. Es funktionierte. Gegen alle Wahrscheinlichkeit. Als Sarah plötzlich auftauchte – »Oh, du arbeitest ja wirklich! Ich wollte nur schnell Hallo sagen!« – war ich schon so tief drin, dass ich nur nickte, während ich schrieb. Sie las über meine Schulter, grinste und meinte: »Das Chaos steht dir.« Vielleicht tat es das wirklich. Vielleicht war ich einer dieser Schriftsteller, die nicht trotz, sondern wegen des Lärms funktionierten.
Als ich das Café später verließ, hatte ich 700 Wörter und Kopfschmerzen. Ein fairer Deal, fand ich.
© Kreative-Schreibwelt 2026-02-04