Es fing ganz harmlos an. Ich wollte eigentlich nur Milch kaufen. Ganz unspektakulär, ohne Drama, ohne Plotwendungen. Aber mein Kopf hatte andere Pläne.
Während ich den Einkaufswagen durch die Gänge schob, liefen meine Figuren mit. Ich hörte sie streiten, sich anschreien, versöhnen. Klassischer Dienstag eben. Am Obstregal zischte die eine: »Wenn du noch einmal meine Gefühle infrage stellst, fliegt dir der Apfel um die Ohren!« Ich grinste zufrieden und murmelte: »Ja, genau so.«
Spätestens am Käseregal kippte die Sache. Ich ließ den Blick über Gouda, Brie und Emmentaler schweifen, als mein Protagonist eine epische Rede begann. Und ich sprach sie mit. Laut. »Ich verlange Antworten! Keine weiteren Ausflüchte, keine faulen Kompromisse!«
Eine ältere Dame neben mir hielt inne, mit einem Stück Camembert in der Hand, und musterte mich, als hätte ich gerade den Gouda zum Duell herausgefordert.
Ich räusperte mich und tat so, als würde ich ein Preisschild studieren. »Hm, interessant … 2,49 Euro.« Aber die Frau gab mir einen dieser »Ich weiß, dass du verrückt bist«-Blicke und schob ihren Wagen schneller davon.
Ich drehte mich in meiner Vorstellung zu Ernest, als würde er im Einkaufswagen sitzen. »Na super. Jetzt denken die Leute, ich streite mich mit dem Parmesan.« Natürlich antwortete er nicht – Ernest war schließlich nicht wirklich da.
In dem Moment vibrierte mein Handy. Max schrieb: »Hol Chips mit. Und rede diesmal bitte nicht mit den Regalen.«
Ich riss die Augen auf. »Woher weißt du das?!«
»Intuition«, kam zurück.
Peinlich berĂĽhrt schob ich weiter. Doch mein Kopf war schon wieder mittendrin. An der Kasse ĂĽbte ich ein schnelles Hin-und-Her zwischen Held und Antagonist. Ich sprach diesmal leiser, glaubte ich zumindest.
»Du kannst mich nicht aufhalten!«
»Oh doch, ich kann.«
»Dann musst du erst an mir vorbei!«
Der Kassierer sah mich an, hob eine Augenbraue und scannte meine Milch. Ich schwitzte. »Äh … Notizen für ein Theaterstück«, stammelte ich. Er nickte langsam, so wie man Leuten nickt, die man im Auge behalten will.
Zuhause erzählte ich Max alles. Er lachte Tränen. »Ich hätte bezahlt, um dich im Käseregal sehen zu können. Dein Gesicht, als dich die alte Dame erwischt hat!«
Ich seufzte. »Ich brauche dringend ein Schild: ›Schriftsteller. Redet nicht mit Ihnen, sondern mit seinen Figuren.‹.«
© Kreative-Schreibwelt 2025-11-12