von Klaus Rafenstein
Nach zwölf Kilometern Auf und Ab entlang der sardinischen Küste sitze ich im Gras und mache – nichts. Endlich nichts. Außer schauen. Und staunen.
Das Steppengras wiegt sich im Frühlingswind. Ginster leuchtet in strahlendem Gelb, während der Lavendel behutsam sein Violett darüber legt. Und dieser Duft! Als hätte die Insel beschlossen, mich heute zu verführen.
„Schönheit ist, wenn man sich nicht satt sehen kann.“ Dieser Satz hat mich vor einigen Jahren bei einem Kamingespräch mit meinem Freund & Mentor „Padrone“ sehr tief drinnen berührt. Weil er stimmt.
Denn da stehst du. Torre di Chia.
Schon dein Name hat mich vor Tagen auf der Karte kurz innehalten lassen. Ein Turm mit Klang, dachte ich. Einer, der weiß, wie man wirkt. Und jetzt sitze ich hier, vor dir, und merke: Du bist keiner von denen, die sich bemühen müssen. Du bist einfach.
Seit 1592 stehst du hier. Vierzehn Jahre Bauzeit – Stein auf Stein. Du warst Teil eines Systems, einer Kette aus 102 wachsamen Augen. Gebaut, um Piraten fernzuhalten. Sarazenentürme nennt man euch bis heute. Die Wächter der sardischen Küste.
Und trotzdem wirkst du auf mich wie jemand, der längst verstanden hat, dass es im Leben um etwas anderes geht als ums Alarm schlagen. Nämlich ums Schauen.
Ich stehe auf. Langsam. Als hätte ich Angst, dich zu erschrecken – was lächerlich ist, ich weiß. Aber irgendetwas an dir verlangt Respekt. Also gehe ich. Schritt für Schritt. Der Blick bleibt bei dir. Alles andere wäre tatsächlich Blickverschwendung.
Ein kleiner Schotterweg führt mich um dich geschlungen hinauf zu dir. Wie, wenn ein Künstler dir eine Halskette mit einem zarten Pinselstrich verpasst hätte. Mit wenigen Schritten sind die paar Höhenmeter erledigt. Das Staunen wächst. Nicht nur du bist die pure archaische Ästhetik, auch der Blick von hier oben aufs Meer lässt Wurzeln schlagen. Da schaust du also schon seit über vierhundert Jahren raus in die Weite und rührst dich nicht vom Fleck? Verständlich!
Das Meer liegt da, ruhig und unverschämt schön. Als würde es sagen: „Du kannst ruhig versuchen, mich zu beschreiben. Viel Glück dabei.“
Und du? Du schaust einfach. Seit über vierhundert Jahren. Keine Pause. Kein Kommentar. Kein Post. Kein Bedürfnis, das Ganze zu teilen oder zu verbessern. Irgendwie beneide ich dich.
Der Wind wird stärker. Aus der Ferne schieben sich dunkle Wolken heran, als hätten sie es eilig, irgendwo anzukommen, um ihr Wasser abzulassen. Dir ist das egal. Mir nicht.
Der Hunger meldet sich. Vier Stunden Küste liegen hinter mir. Ich werfe dir noch einen letzten Blick zu. Dann drehe ich mich um. Ab zu Pasta. Vielleicht Pizza.
Und du? Du bleibst. Und schaust.