Vietnam

von Klaus Rafenstein

„Technologische Automatisierung kostet hier in Asien mehr als ArbeitskrĂ€fte“ kontert der Teilnehmer auf die Nutzen-Argumentation fĂŒr die neue Lösung beim Verkaufstraining. In der Theorie ist mir sein Argument klar. In der Praxis bekomme ich es gleich in der ersten Kaffeepause vor Augen gefĂŒhrt. Beim Versuch den Espresso-Knopf des Vollautomaten zu drĂŒcken, ernte ich zuvorkommende Finger und einen strengen Blick. Mir wird klar, dass Dame und Herr in brauner Hoteluniform die Kaffeemaschine nicht bewachen, sondern ich bei Ihnen meinen Wunsch platzieren darf. Das DrĂŒcken der Taste ist ihre Aufgabe. Das Hotel ist ĂŒberhĂ€uft mit Personal, GĂ€ste eher Mangelware. Jeder Handgriff wird uns abgenommen, nur atmen dĂŒrfen wir selbst.

Die Stadt, die niemals schlĂ€ft. Rund um die Uhr ist was los. Zu wenig Wohnraum fĂŒr zu viele Menschen. Das Bienenhaus schwirrt. Ho Chi Minh City. Zumindest fĂŒr uns AuslĂ€nder. FĂŒr die SĂŒdvietnamesen ist es noch immer Saigon. So wie damals, vor dem Krieg. Diesen verheerenden erbarmungslosen Krieg, den wir unter dem Namen Vietnamkrieg kennen. Hier wird er der Amerika-Krieg genannt. „Schließlich hat Amerika hier gekĂ€mpft und unser Land platt gemacht.“, so das Narrativ von Tom, unserem Guide. Er begleitet uns nach getaner Arbeit ins Mekong-Delta. Wer den Neusiedlersee „Dreckslacke“ nennt war noch nicht hier. „Tom, sind das GrĂ€ber, die hier vereinzelt auf Betonsockel mitten in den Reisfeldern thronen?“ frage ich die unversiegbare Quelle des hiesigen Wissens. „Ja, aber nur die wirklich Reichen. Alle anderen wurden einfach so unter den Reispflanzen begraben. Die siehst du nicht, die schmeckst du nur in deinem Curry.“ Das nie aus seinem Gesicht weichende Grinsen wird nun noch etwas intensiver. Meines verebbt. Mit der Dunkelheit fĂŒllen sich nicht nur die GastgĂ€rten vor den dampfenden GarkĂŒchen, sondern auch die Ratten verlassen ihre schĂŒtzenden Löcher. Permanent kreuzen die putzigen FelltrĂ€ger den Gehsteig, hurtig flink und das, ohne links und rechts zu schauen. Die Flip Flop TrĂ€ger schielen neidisch auf mein festes Schuhwerk. Trillionen an Mopedfahrern gleiten unbeeindruckt von den Vorkommnissen am Gehsteig. Egobefreite Schwarmintelligenz, jeder fĂŒhlt sich als Teil des großen Ganzen.

Phu Quoc, die vorgelagerte Tropeninsel mit Palmensaum und Meeresrauschen, bildet den erholsamen Abschluss der Reise. Das Resort ist vom selben Bild geprĂ€gt: GĂ€stearmut – PersonalĂŒberfluss. Wir passieren am Markt den Fleischladen. Ein blutverschmiertes Holzbrett fungiert in der sengenden Mittagshitze als Open Air Vitrine. Teile eines Schweins werden kredenzt, der Fliegenteppich darĂŒber ist inklusive. „Wie macht ihr das eigentlich mit der KĂŒhlkette?“ frage ich. „KĂŒhlkette? Was ist das?“

Die Insel ist bekannt fĂŒr das tasty Seafood. Auf den gegrillten Squid freue ich mich seit Tagen. Er riecht herrlich, die Röstaromen tanzen auf meiner Zunge. Leider plötzlich auch etwas Hartes, nicht Kaubares. Ich hole einen rosa Plastik-Trinkhalm aus meinem Mund und staune. Verstört schaue ich die Kellnerin an, als sie sich entschuldigt und gleichzeitig erklĂ€rt: „Das ist der Beweis, dass der Tintenfisch wirklich hier aus dem Meer kommt, und nicht aus einer Fischzucht.“ Manchmal schmerzt die Wahrheit. Danke fĂŒr die vielen neuen Perspektiven. 

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