Walk of Fame! Or Shame?

von Klaus Rafenstein

Heute krönen wir unsere portugiesische Freiluftwoche. Wir setzen dem begrĂŒnten Lavatropfen mitten im Atlantik die Wander-Krone auf. The Hike of the Hikes hier auf Madeira: vom Pico Arieiro zum Pico Ruivo. Das Instagram-Eldorado der Insel. Pflichtbewusst sind wir schon lange vor Sonnenaufgang am Startpunkt auf 1.600 m Seehöhe. „Ein, zwei Autos werden vor uns schon da sein, um mit uns in Stille den Sunrise zu bestaunen.“ war meine naive Erwartung. Ein paar Nullen hinten dran und die Rechnung stimmt. Blechlawine bergwĂ€rts zum Parkplatz. Danach: Goa-Rave-AtmosphĂ€re. In jedem Felsspalt tummeln sich haufenweise Observer und warten auf den magischen Moment. Gleich nachdem sich der Feuerball majestĂ€tisch erhoben hat, geht’s los: Gipfelsturm! Die Massen quetschen sich in den einspurigen Wanderweg, links und rechts von SeitengelĂ€nder begleitet. Das Bottleneck knautscht! Mehr Selfiesticks als Wanderstöcke und RucksĂ€cke zusammen.

Die junge Dame in Converse und schwarzer Gucci-Lederjacke sticht mir ganz besonders ins Auge. So wie ich in einen Disco-Gogo-Tanz-Korb passe, passt sie in die hiesige Bergwelt. Der ausgestreckte Selfie-Arm ist ihre Wander-Pose. Möge jede mit Silikon gefĂŒllte Kurve gut in Szene gesetzt sein. Der zweite Arm trĂ€gt das schwarze Plastiksackerl mit pinkem Cinderella-Aufdruck. Make-up fĂŒr das perfekte Gipfelfoto? Was tut man nicht alles fĂŒr den perfekten Shot? Das Leben fĂŒr die digitale Welt. Die Pest des 21. Jahrhunderts breitet sich rasend aus. Pandemie 2.0. Vergeudete Augenblicke fĂŒr das Begeistern von Followern. So lösen sich wertvolle Bergmomente in vergeudete Gegenwart auf. Alles fĂŒr Views, Likes und Follower. Ich immaginiere die Frage: „Wie heißt der Berg? Wie hoch ist er? Auf welcher Insel sind wir?“ Das lippenbetonte Duckface weicht dem Staunen mit offenem Mund. „Keine Ahnung. Aber davon reichlich.“

Ich kenne das Wandern aus meiner Kindheit Hand in Hand. Eltern mit Kindern. Oder Frau mit Mann. Statt der Hand des Partners ist es hier en vogue dem Smartphone die Hand zu reichen. Permanent. Smartphone? Warum nicht Dumbphone? Es macht uns dumm! Die Möglichkeiten sind verlockend: „Ein Reel? Eine Story? Ein Post? Was wird aus diesem unwiderstehlichen Bild?“ Die Gedanken in den Köpfen rasen.

Kurz ĂŒberlege ich einen Absturz vorzutĂ€uschen. Aus Neugierde. Was wĂŒrde passieren? Ein Klicken der zahlreichen Auslöser? Absetzen von Live-Posts wie „Absturz in Madeira! Ich war dabei!“ Statt die helfende Hand zu reichen. Ich bin zu feig fĂŒr den Feldversuch.

Fingerpointing im Außen ist leicht. Ich nehme mich nicht aus. Ein- bis zweimal pro Stunde machen wir eine Verschnauf- & Fotopause. Dazwischen wandern wir und tauchen in die Natur ein, erfĂŒhlen den Weg, wenn er nicht gerade von Selfiemachern verstopft ist.

Endlich am Gipfel. Das Vogelgezwitscher samt sanfter WindgerĂ€usche wird immer wieder durch das lĂ€stige Surren ĂŒberlagert. Der Drohnenverkehr lĂ€sst FlughafenatmosphĂ€re aufkommen. Noch klappt der Verkehr der QuĂ€lgeister ohne Fluglotsen. Noch.

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