Was arbeitest du eigentlich?

von Klaus Rafenstein

Ich liebe was ich tue. Trainer sein. Manchmal in Wellnesstempel mit motivierten wissensdurstigen Teilnehmern. Das hat dann oft sogar einen Touch von bezahltem Urlaub, wie schön! Von Zeit zu Zeit schwingt aber auch ein Hauch Bergwerksarbeit mit: Wenn die Nüsse sich nicht knacken lassen und die Gedankenrillen nicht verlassen werden wollen. Wirklich qualvoll wird’s, wenn du trotz frischem doppelten Bandscheibenvorfall mit Morphium vollgepumpt ins Flugzeug kraxelst, um eine Woche im skurrilen Business-Indien zu arbeiten, wo das nächtliche Zusammenkauern und Winseln den unerträglichen Schmerz zum Ausdruck bringt. Magenschoner & Painkiller bilden die Hauptmahlzeiten. Auch recht unerträglich wird’s, wenn du dich trotz 40 Grad Fieber bei Schneetreiben ins Auto Richtung Prag setzt. Denn: Würdest du das internationale Training nicht doch schweißgebadet im Delirium runterbiegen, dann würde die Stornokosten-Flut über dich hereinbrechen. Alles schon am eigenen Leib erlebt.

Und dann gibt es auch diese Seminare: Ich bekomme meine Lieblingsgruppe wieder für 2 Tage unter die Fittiche. Als Warm Up zum Seminarbeginn überlege ich mir: “Scrollt mal auf eurem Smartphone über den Fotoverlauf der letzten Wochen. Stoppt bei eurem emotionalsten Bild, zeigt es uns, und wir freuen uns über einen Satz dazu!”

Sichtlich emotionalisiert hält Franz mit zusammengepressten Lippen sein Smartphone für alle sichtbar in die Höhe und sagt mit hochrotem Kopf: “Ohne Worte!“ Stimmt. Als wir das Ultraschall-Bild sehen, wissen alle im Raum was los ist. Wohlgefühl stellt sich ein. Bei den meisten. “Is des vo da Jetzign oda von da Ex?” durchbricht ein Vorzeige-Empath das Schweigen im Raum. Die Tür in den Niveau-Keller ist aufgestoßen!

Kopfschütteln und Gelächter durchfluten den Raum. Es folgen lachende, stahlblaue sowie strahlende Momentaufnahmen, von Familien, von Kleinkindern, von Sonnenaufgängen und von bezwungenen Berggipfel.

Das letzte Foto bekommen wir von Reinhard gezeigt. Es ist ein Screenshot. “Des woa am Mittwoch vor 2 Wochen” schildert er uns fast unter Tränen. Die Rührung ist ihm anzusehen. “Das ist die Aufstellung von Manchester United. Ich war so berührt, dass da Rashford endlich wieder in der Startelf war.” kommentiert er sein emotionalstes Foto weiter. Stirnrunzeln im ganzen Raum. Blicke kreuzen sich. Eine Stimme vertont, was im Raum liegt: “Du arme Seele.”

Ich sitze an meinem Schreibtisch und schreibe diese Zeilen. Durch die Glasscheibe beobachte ich das Treiben im Garten. Ein Showdown kündigt sich an. Der Mähroboter bewegt sich unbeirrt auf die durch die Wiese hopsende Taube zu. Mir schießt Adrenalin ein. Ich greife zum Handy und fotografiere dieses Spektakel. Im letzten Moment hüpft sie gurrend zur Seite. Die rasierklingenscharfen Messer zerhacken weiterhin nur Gras. Und keine Taube. Ich bin erleichtert. Und hoffe, dass es beim nächsten Seminar nicht mein emotionalstes Foto der letzten Wochen wird.

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