von Tristhor
Er geht durch die Straßen der Stadt, seinem neuen Arbeitsplatz entgegen. In einer Halle, die geflutet ist mit Neonlicht und Arbeitszellen mit Bildschirmen, wird er von seiner Vorarbeiterin zu seinem Platz geführt. Wir leisten einen wichtigen Beitrag, um das Internet sicherer zu machen, sagt sie und lächelt verlegen dabei. Als er vor seinem Bildschirm sitzt, erklärt sie ihm nochmal seine Arbeit: Sieht er ein Bild, das moralisch verwerflich ist, das also Gewalt in jeglicher Form zeigt, oder ein entsprechendes Video, muss er es kennzeichnen, indem er auf einen roten Button klickt. Am Abend ist er ein anderer Mensch. Er hat in den vergangenen acht Stunden, seiner ersten Schicht, in den Schlund der Hölle geblickt. Nun weiß er: Der Mensch ist schrecklicher als jedes Tier. Der Mensch braucht eine Moral, sonst ist er ein Stück Dreck. Zuhause, im Bad, weint er heimlich, wäscht sich die Hände. Er würde kündigen, aber er braucht das Geld, seine Frau ist schwanger, das Kind soll es einmal besser haben. Er braucht das Geld doch. Also schweigt er und macht die nächste Schicht, die dritte, die zehnte, die tausendste. Eines Tages bleibt der Platz seines Kollegen frei. Man erzählt sich, er habe sich umgebracht. Inzwischen kümmert ihn nicht mehr, was er sieht. Er ist eine Maschine geworden, eine Maschine, der einer anderen Maschine sagt, was falsch ist. Damit jene Maschine irgendwann selbst entscheiden kann, was falsch ist und was sodann aus der Flut der Bilder entfernt werden kann, bevor ein menschliches Auge das Böse erblickt. Doch sieht man nur lange genug in den Abgrund, vergisst man den Himmel, und Dämonen starren zurück. Etwas wuchert unbemerkt in ihm. Und eines Morgens schickt man ihn fort. Man braucht ihn nicht mehr, denn die KI hat genug gelernt. Nach zahllosen Testläufen ordnet sie 99,99% der Bilder richtig ein. Die Halle des Bösen wird dem Erdboden gleichgemacht. Er läuft durch die Stadt, die äquatoriale Sonne brennt, doch das spürt er nicht, und das Helle sieht er schon lange nicht mehr. Ausgeblichene Plakate kündigen an, dass Roboterpatrouillen ihren Dienst aufnehmen und für mehr Schutz der Bevölkerung sorgen werden. Am Abend steht er vor seiner Haustür, seine Hand sieht fremd aus. Er begrüßt mechanisch seine Frau, geht in die Küche, küsst die Stirn der kleinen Tochter. Vor der Tür miaut eine Katze. Er öffnet und nimmt das Tier auf den Arm. Dann, als wäre es Gewohnheit, drückt er die Kehle der Katze zu, worauf der kleine Körper nach kurzem Kampf erschlafft. Während er mit unbeholfenen, aber energischen Bewegungen den Kiefer des Tiers bricht und sich daran macht, das Fell abzuziehen, schreit seine Tochter, die ihm vor die Tür gefolgt ist, ihre Angst und ihren Ekel in die Welt hinaus. Das ruft einen der Roboter herbei. Dieser scannt die Szene und schießt einen Immobilitätspfeil ab. Er sinkt zu Boden, mit gleichmütigem, verständnislosem Gesicht. Sie verstoßen gegen das Gesetz, sagt eine freundliche Roboterstimme. Monoton antwortet er: Das hast du von mir gelernt.
© Tristhor 2024-03-10