von Bernadette_Cuni
Sechs Monate versuchen wir es. Sechs Mal Sex, warten, testen. Sechs Mal – das ist nicht viel, beruhige ich meine Ungeduld. Ich bin 29, frisch verheiratet und möchte nun, so wie es sich gehört, ein Baby. Manchmal frage ich mich, ob ich es wirklich will oder der Druck von außen mich antreibt. Aber eigentlich ist es ja auch egal, warum, der Wunsch ist groß und dank eines Eisprung-Monitors auch sensationell planbar – genau das, was mein Mann und ich lieben. Planungssicherheit. Allerdings ist es nicht das, was unsere liebe Natur sich für uns vorgestellt hat. Denn obwohl mein LH-Spiegel steigt, kommt es nie zum gewünschten Eisprung.
Meine Gynäkologin ist direkt unter dem Büro in dem ich arbeite. Zahnärtz*innen und Gynäkologe*innen sollten immer in der Nähe der Arbeit sein – so kann man praktisch Termine in der Pause erledigen. Effizienz. Und auch meine Gynäkologin scheint das Thema Effizienz in ihren Sprechstunden sehr ernst zu nehmen. Meine Bedenken bezüglich des fehlenden Eisprungs und der dadurch ausbleibenden Schwangerschaft werden mit einem kurzen kühlen „Mhm“ kommentiert und Mönchspfeffer empfohlen. Für alles Weitere probieren wir es noch nicht lange genug. Punkt. „Na toll“ denke ich und nehme gewissenhaft 4 Wochen lang Tabletten um tatsächlich im sechsten Zyklus mit einem kleinen Ei auf dem Monitor belohnt zu werden. Der Sex ist super, der Po hochgelegt und der Test zeigt einen zweiten Strich. Die Freude darüber ist so groß, aber die Angst, es könnte falsch-richtig sein treibt mich wieder zur Praxis. Meine Gynäkolin hat keinen freien Termin, also gehe ich behelfsweise zu einem Kollegen.
Ein erfahrener älterer Mann, der mich durch die komplette Behandlung führt, als sei ich die wichtigste Patientin des Tages zeigt mir freudig zwei kleine Bläschen auf dem Monitor. „Herzlichen Glückwunsch,“ strahlt er mich an „Sie erwarten Zwillinge. Ich möchte Sie aber warnen, in diesem sehr frühen Stadium kann es passieren, kann, muss nicht, dass eines oder beide Eier abgehen. Aber lassen Sie uns positiv sein. Gehen Sie in 2 Wochen zu Ihrer Praxis, da sollten dann die Herzchen zu sehen sein.“ Ich bin beflügelt, nicht nur wegen der Zwillingsschwangerschaft, sondern auch, weil dieser Arzt so viel Magie und Einzigartigkeit in diese Zeit gebracht hat.
Mein Mann und ich verbringen die nächsten zwei Wochen damit, uns mit dem Gedanken an Zwillinge anzufreunden. Effizienz wird jetzt durch Liebe und Vorfreude ersetzt. Ich sitze mit aufgebockten Beinen auf dem kalten Stuhl während unserer beider Herzen wie wilde Trommeln schlagen. Meine Ärztin hingegen betrachtet nahezu gelangweilt den Monitor. Das Hat sie schon 1000 Mal gesehen, so etwas berührt sie nicht. „Ja, hier ist das Herz. Passt alles“ Sie entfernt den Ultraschallstab und sagt, während Sie ihn säubert „Dann sehen wir uns in 2 Wochen wieder, wenn Sie keine weiteren Fragen haben“ Wir sind perplex. Ich betrachte geschockt den dunklen Monitor, mein Mann findet in der Kälte seine Stimme wieder „aber…“ stottert er verwirrt „aber, Sie haben uns nur eins gezeigt“ er hält meine Hand so stark fest, dass sie weiß wird. „Ahso, ja, es ist nur eins. Das Zweite ist abgegangen. In einem so frühen Stadium passiert das immer wieder. Das ist nichts besonderes.“
© Bernadette_Cuni 2024-09-22