#1 Das Neue

Jürgen Holzinger

von Jürgen Holzinger

Story
2014 – 2015

„Die wahre Größe eines Menschen misst sich nicht daran, wie oft er fällt, sondern daran, wie oft er wieder aufsteht.“ Mit diesem Satz beendete ich mein erstes Buch „Wie man lernt, ohne Beine aufzustehen!“ und darin habe ich euch einen Teil meiner Geschichte geschildert. Doch diese Geschichte geht noch weiter.

Mein Name ist Jürgen Holzinger, geboren am 19. November 1981 in Österreich in Eisenstadt im Burgenland. Aufgewachsen in der Marktgemeinde Rohrbach bei Mattersburg und seit dem Jahr 2009 wohne ich mit meiner Familie, verheiratet und zwei Kinder, in der Nachbargemeinde in Marz. Und die folgenden Geschichten schließen nahtlos an die Geschehnisse vom Dezember 2014 an und beginnen damit, dass ich nach einem viermonatigen Krankenhausaufenthalt, verbunden mit beidseitiger Oberschenkelamputation, Koma, Nahtoderfahrungen, sowie überstandener Dialyse, endlich wieder nach Hause zu meiner Familie durfte.

Obwohl die Freude überwog, wieder zu Hause zu sein, war ich doch von den vielen neuen Eindrücken überfordert und es fiel mir nicht leicht, mit dieser Situation umzugehen. Meine Frau Sabrina versuchte zwar für unsere Tochter Lorena – sie stand damals kurz vor ihrem zweiten Geburtstag – und natürlich auch für mich, ein schönes und „normales“ Weihnachtsfest zu gestalten. Jedoch war ich mit meinem Kopf ganz woanders. „Wie sollte mein Leben weitergehen?“, fragte ich mich. „Ist das überhaupt noch ein Leben, ohne Beine, ohne Kraft und verbunden mit starken Schmerzen?“, begann ich zu zweifeln. Ich versuchte zwar, das Beste aus der Situation zu machen, aber alles war sehr emotional. Auch an Schlaf war kaum zu denken, da diese Gedanken immer wieder in meinem Kopf kreisten. Und sie schienen mich förmlich zu erdrücken.

Natürlich kamen auch meine Eltern zu Besuch und ich sah, trotz aller Umstände, eine große Erleichterung in ihren Augen. Sie waren, wie Sabrina, hautnah im Krankenhaus dabei gewesen und es schien, als ob sie jetzt wieder glücklich wären. Sie saßen gemeinsam mit Sabrina und Lorena vor dem Christbaum und dem neuen Spielzeug, und als ich sie, im Rollstuhl sitzend, dabei beobachtete, war ich froh, dass sie wieder über die einfachen Dinge im Leben lachen konnten.

Auch meine Freunde wollten mich aufheitern und bescherten mir und meiner Familie mit unserer traditionellen Silvesterfeier einige Stunden Ablenkung von den Sorgen und Ängsten, die mich seit meiner Rückkehr verfolgten. Nach einem gemeinsamen Essen mit vielen Köstlichkeiten und anschließendem Schokoladen-Fondue, brachten sie mich um Mitternacht mit meinem Rollstuhl auf unsere Terrasse, um das alljährliche Feuerwerk zu bestaunen. Währenddessen schlief Lorena bereits tief und fest in ihrem Zimmer und auch unser Hund „Foxi“ bekam von dem ganzen Trubel rund um den Jahreswechsel nichts mit.

Dennoch wurde mir in diesen Tagen zu Hause so richtig bewusst, was geschehen war und dass es kein Zurück mehr in mein „altes“ Leben gab. Und ich musste mich auf dieses Leben erst einstellen. Doch dafür blieb kaum Zeit, denn der Start in mein „neues“ Leben ließ nicht lange auf sich warten …

© Jürgen Holzinger 2023-01-05

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