1. Lautes Schweigen – stilles Trauma

Lena Noth

von Lena Noth

Story

Ich laufe die Treppen hoch. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, und ich bin umgeben von Bäumen und BĂĽschen. Die Treppen ziehen sich. Ich bin auf der elften Treppenstufe und muss aufpassen, denn sie sind schon alt und spröde. Gestein bröckelt ab, aber ich genieĂźe die doch schon hohen Temperaturen, die fĂĽr den März eigentlich ziemlich untypisch sind. Mein Bus kommt in 10 Minuten, aber ich kann mir Zeit lassen – ich bin gut in der Zeit. Aus der Entfernung sehe ich schon einige Leute an der Haltestelle warten. Da kommt auch schon der Bus. Zwei Minuten zu frĂĽh, aber ich laufe und schaffe es noch entspannt hinein, weil viele erst einmal aussteigen mĂĽssen. Alle Plätze sind belegt … wie immer also: stehen. Der Bus wird immer voller. Es wird immer enger. Da ist kein Platz zum Bewegen oder Festhalten mehr. Einige scheinen das gute Wetter nutzen zu wollen, denn viele tragen Wanderschuhe oder Ă„hnliches. Ich schwitze. Ich spĂĽre, wie die Kleidung an mir klebt und sehe andere Leute, die verzweifelt nach frischer Luft suchen. Bei jeder kleinen Bewegung bewegt sich die ganze Menschenmasse. Es ist wie im Moshpit bei einem Konzert. Die Masse zieht dich mit, und es ist unmöglich, sich gegen den Strom zu bewegen. Die StraĂźen sind voll, und der Verkehr staut sich. An jeder Haltestelle das gleiche Spiel: Menschen raus, mindestens genauso viele rein, und das Gequetschte hört gar nicht mehr auf. „Nur noch 20 Minuten“, denke ich mir. Ich stehe da und schaue aus dem Fenster. Ich sehe Felder, die von der Sonne bestrahlt sind. Ich kann das Gras unter meinen FĂĽĂźen spĂĽren. Um mich herum ein Mann mit blonden Locken, der sich verzweifelt versucht, festzuhalten und mit anderen das Gespräch sucht: eine Frau mit zwei groĂźen EinkaufstĂĽten und ein Mann, relativ klein, mit kurzen braunen Haaren. Der Hautton ist etwas dunkler. Alle wirken leicht gestresst, und jeder scheint sehr heiĂź zu sein. Die Luft ist stickig. Aber ich schaue aus dem Fenster und versuche, das um mich herum gar nicht wahrzunehmen. Gerade sehe ich ein weiteres Feld – grĂĽn, leicht im Schatten – und wir fahren im konstanten Tempo vorbei. Es kommt aus dem Nichts. Ich verkrampfe. Mein Kopf schaltet sich aus. Innerlich spĂĽre ich nichts. Mein Kopf schaltet ab. Ich spĂĽre etwas auf meinem Po. Na ja, das Ăśbliche, denke ich: eine Einkaufstasche oder eine andere Person, die aus Versehen gegen mich gestoĂźen ist. Aber es hört nicht auf. Das GefĂĽhl wird immer stärker. Es liegt nicht mehr nur darauf – ein Griff ist zu spĂĽren. Ich bin wie erfroren. Ich kann mich nicht bewegen. Ich kriege meinen Mund nicht auf. Ich versuche es nicht. Ich lasse es still ĂĽber mich ergehen. Die Hand – wie ich inzwischen erkannt habe – greift immer stärker. Sie wandert weiter runter. Stellen, an denen ich noch nie berĂĽhrt wurde. Ich möchte „Stopp“ sagen und mich wehren, aber wie soll das gehen, wenn man in einem Zustand ist, in dem man nicht handeln kann? Es ist unmöglich. Die Zeit vergeht. Jegliches ZeitgefĂĽhl ist verloren. Ich spĂĽre nur, dass es nicht aufhört. Ich komme langsam wieder zu mir. Ich sehe die nächste Station: Bushof. Ich sehe mich aussteigen. Meine Eltern rufen an und fragen, ob wir essen gehen wollen. Mein ĂĽbliches „Ja, sehr gerne“ kommt raus. Aber ist es wirklich das, was ich in dem Moment gerne sagen wĂĽrde? Ich laufe los.

© Lena Noth 2025-10-08

Buchkategorie
Lebenshilfe
Stimmung
Dunkel, Traurig, Angespannt, Dark