#10 Das Schicksal

Jürgen Holzinger

von Jürgen Holzinger

Story

Einige Zeit später fand nämlich die Visite auf der Station statt. Diese war einmal in der Woche pro Ebene, meistens dienstags oder mittwochs. Meine, mittlerweile eingetroffenen, Zimmernachbarn und ich warteten schon geduldig in unseren Betten, als sich die Tür öffnete und eine Schar von Menschen das Zimmer betrat. Unter ihnen waren Ärzte, Pflegepersonal, Physiotherapeuten und auch Sportlehrer vertreten. Zuerst waren meine Zimmernachbarn an der Reihe, da mein Bett am großen Fenster zur Terrasse lag und somit als Letztes dran kam.

Dann versammelten sie sich rund um mein Bett, der leitende Stationsarzt nahm meine Akte und begrüßte mich höflich. Dann wechselte er ein paar Worte mit dem Pflegeleiter und anschließend fragte er mich, wie es mir ginge. Ich sagte ihm, dass ich mich, trotz räumlicher Trennung von meiner Familie, gut eingelebt hätte und mich freue, die Therapien abhalten zu können und Prothesen zu testen.Darauf verfinsterte sich sein Blick und er stellte fragend in den Raum: „Prothesen? Für Sie? Ich glaube nicht, dass Prothesen für Sie ein Thema sind, Herr Holzinger!“ Ich fiel aus allen Wolken, ob dieser Aussage und antwortete ihm: „Aha, in Ordnung, und was kommt denn dann für mich infrage? Ich bin jung, war Sportler und möchte wieder gehen lernen!“ Er erwiderte: „So einfach ist das nicht, das ist auch eine Frage der Kosten. Und somit ist der Rollstuhl für Sie die beste Alternative.“

Ich konnte gar nicht fassen, was er da von sich gab und dachte mir: „Warum bin ich dann überhaupt da!“ Dann antwortete ich ihm: „Kosten? Kosten können ja in meinem Fall kein Thema sein. Ich bin ja nicht zweihundert Kilometer in der Stunde mit dem Auto gerast und habe mir dabei aus Selbstverschulden beide Beine abgerissen, oder? Das war ja in meinem speziellen Fall mit Komplikationen, Amputationen und Koma doch ganz was anderes?“

Auch den Blicken der anderen Anwesenden konnte ich eine gewisse Verwunderung, ob dem ganzen Theater, entnehmen. Er antwortete: „Nein, das war nichts anderes“. Ich lehnte mich nach vorne und fragte ungläubig: „Und was war es denn dann?“ Der Arzt schaute kurz zur Seite und meinte lapidar: „Das war ein schicksalhaftes Ereignis.“ Er sagte diese Worte, drehte sich von mir weg und ging mit seiner Schar Richtung Tür.

Ich war völlig entsetzt und konnte seine Aussagen kaum fassen, sackte zusammen und ließ mich in mein Bett fallen. Siegi drehte sich zu mir und sagte leise mit ruhiger Stimme: „Jürgen, lass dich nicht entmutigen. Du schaffst das, wir schaffen das. Gib nicht auf. Wir machen uns gleich einen Termin aus für die nächste Sitzung.“ Dann schloss er zu der Gruppe auf und gemeinsam verließen sie den Raum.

Da lag ich nun, völlig desillusioniert und vor den Kopf gestoßen. Ich war wütend und zornig, ob dieses Gesprächs und wusste nicht, wie es weitergehen soll. Zum Glück hatte ich nicht viel Zeit zum Nachdenken, da dies mein dicht gedrängter Therapieplan nicht zuließ. Doch auch während der Therapien beschäftigten mich diese Aussagen immer wieder und ich war natürlich nicht ganz bei der Sache. „Es muss doch eine Lösung geben“, dachte ich mir. Denn Aufgeben war keine Option für mich und kam mir in keiner Sekunde in den Sinn.

© Jürgen Holzinger 2023-03-15

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